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Angehörige der Opfer und Bundeskanzlerin Angela Merkel (re.) bei der Gedenkfeier.

Hanau

Trauerfeier in Hanau: „Sie waren keine Fremden“

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Auf der Trauerfeier für die Opfer des Anschlags in Hanau fordern die Angehörigen eine umfassende Aufklärung der Tat. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier räumt Rassismus ein.

Wer soll sie ersetzen? Wo finde ich Trost?“ Mit diesen Zeilen des Lieds „Gebt mir mein Leben zurück“ der Band Glashaus, vorgetragen von deren Sängerin Cassandra Steen, begann die offizielle Trauerfeier am gestrigen Mittwochabend in Hanau. 650 Menschen waren geladen, darunter die Angehörigen der Opfer, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundesratspräsident Dietmar Woidke (SPD) und Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU).

Weil weit mehr Menschen teilnehmen wollten, übertrug die Stadt die Feier auf zwei Leinwänden auf Plätzen in Hanau. Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) versprach in seiner Rede, dass die Namen der Opfer „unauslöschlich zum kollektiven Gedächtnis der Stadt“ gehören würden. Danach kam Kemal Koçak zu Wort, der viele der Opfer persönlich kannte. „Mein Herz blutet dermaßen, dass ich es nicht in Worte fassen kann“, sagte er sichtlich bewegt. Er nannte die neun Opfer des Anschlags mit ausländischen Wurzeln, Ferhat Unvar, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtovic, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Paun, Said Nesar Hashemi und Fatih Saraçoglu und teilte seine Erinnerungen an sie. Am Ende forderte er: „Wir möchten nicht mehr viele Worte hören, wir wollen Taten sehen, damit so etwas nie wieder passiert.“

„Immer hilfsbereit“

Nach Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sprach Ajla Kurtovic, Schwester des getöteten Hamza Kurtovic. „Mein Bruder hat uns immer zum Lachen gebracht, war hilfsbereit und einfühlsam“, sagte sie. „Ich bin fassungslos darüber, dass er nie wieder lachend und fröhlich zur Haustür hereinkommen wird.“ Sie appellierte an die anwesenden Politiker, dass diese alles tun müssten, um das Verbrechen restlos aufzuklären und um Hass und Gift aus der Gesellschaft zu verbannen. „Das sind wir den Ermordeten schuldig, das ist das Mindeste, was wir tun können.“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erkannte in seiner Rede an, dass es in Deutschland Rassismus und Diskriminierung gibt. „Dieser Angriff galt nicht uns allen, sondern denen, die dunkle Haare haben, die einen ausländischen Namen tragen, die eine andere Religion haben, in deren Familie es Migration aus dem Süden gab, und sei das schon viele Generationen her.“ Er als Mann mit „weißen Haaren und weißer Haut“ erfahre keine Diskriminierung im Alltag und müsse keine Angst um seine Familie haben. „Auch wer diese Erfahrung nicht teilen kann, muss dennoch um sie wissen“, sagte Steinmeier.

Als Letzte erinnerte Saida Hashemi an ihren Bruder. „Said Nesar wurde in Hanau geboren, ist hier aufgewachsen, zur Schule gegangen, hatte hier Familie und Freunde.“ Viele der Opfer hätten in Hanau ihre Heimat gesehen. „Sie waren keine Fremden.“ Die Menschen, die zukünftig hier lebten, hätten es nicht verdient, in Angst zu leben. „Das ist nicht der erste Anschlag hier in Deutschland, aber wir hoffen und beten dafür, dass es der letzte war.“

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