Alma trägt ihr Implantat auch auf dem Fußballfeld.
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Alma trägt ihr Implantat auch auf dem Fußballfeld.

Hanau

Torjägerin mit Hörhilfe

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Die 14 Jahre alte Alma aus Hanau trägt ein Cochlea-Implantat, damit sie hören kann. Trotzdem träumt sie davon, Fußballprofi zu werden.

Erst kürzlich hat Alma wieder wichtige Tore gemacht. Mit der Schulmannschaft der Friedberger Johannes-Vatter-Förderschule, in der sie mit sieben Jungs spielt, hat sie souverän den Kreisentscheid gewonnen. In Hanau, wo sie lebt, geht die 14-Jährige für die B-Jugend von Rot-Weiß Großauheim auf Torejagd. „Ich fühle mich nicht anders“, sagt Alma. „Es ist alles ganz normal.“ Nur dass sie ein Stirnband auf dem Feld trägt, damit ihr Cochlea-Implantat (CI), eine Innenohr-prothese, nicht herunterrutscht. Ein Sprachprozessor am Ohr nimmt akustische Signale auf, verwandelt sie in elektrische und leitet sie an einen Elektrodenträger weiter, der in der Hörschnecke sitzt. Die Elektroden stimulieren dann den Hörnerv. So kann Alma hören, obwohl sie diese Fähigkeit als Baby verloren hat.

Davon beeinträchtigen lässt sich Alma nicht. Nach dem Schulabschluss möchte sie eine Ausbildung machen, hat aber auch einen Traum: „Fußballprofi werden“, sagt sie. „Ich liebe Fußball. Das Passen, das Schießen, alles.“ Offen, aber selbstbewusst ist ihr Blick; sie weiß, was sie will. Alma redet nicht unentwegt, sondern sagt prägnante Sätze. Manchmal zeigt sie zusätzlich Gebärden, diese Sprache beherrscht die Kesselstädterin auch.

Alma Syla gehört zu den Hanauern, die für das Inklusionsprojekt „Menschen in Hanau“ ihre Geschichte erzählen. Sie möchten mit ihrem Beispiel dazu beitragen, Vielfalt und Inklusion in der Stadt zu fördern und anderen Mut machen. Weshalb Alma ihr Gehör verlor, ist unklar. Vielleicht waren es Antibiotika, die sie krankheitsbedingt nehmen musste. „Als der Arzt damals sagte, dass unsere Tochter nichts mehr hört, ist für uns die Welt zusammengebrochen“, erinnert sich Almas Mutter Farka. Doch die Eltern, deren Wurzeln in Bosnien und dem Kosovo liegen, sammelten sich schnell und suchten nach Möglichkeiten, um Alma ihr Gehör zurückzugeben, zumindest ein Stück weit. Weil ein normales Hörgerät nicht reichte, entschieden sie sich für das Implantat. Da war Alma gerade zwei Jahre alt.

Die Operationen bergen Risiken, und das CI hilft auch nicht jedem, doch bei Alma ging es gut. „Es war unbeschreiblich schön, als sie wieder etwas hörte, ihre Augen haben geleuchtet.“ Das Implantat ist ein Hilfs- und kein Heilmittel. Wie andere CI-Träger musste Alma viele logopädische Übungen machen, vor allem als sie sprechen lernte. Heute muss sie manchmal auch Lippenlesen, um etwas zu verstehen, etwa wenn laute Nebengeräusche stören.

Manche werden wegen des Implantats gehänselt. Alma war, wie die meisten aus dem Viertel, in der städtischen Kinderburg West. Ausgrenzung habe sie nicht erlebt, wohl auch weil „wir Wert darauf legen, ihr Selbstvertrauen zu stärken, und sie ermuntern, auf andere zuzugehen“, sagt Farka Syla. Das macht Alma nach wie vor, kickt zum Beispiel mit den Nachbarjungs.

Wenn sie ihre Ruhe haben will, nimmt Alma ihre Hörhilfe ab – und genießt die Stille. Das kommt nicht häufig vor, denn sie will aktiv sein, Musik hören, zurzeit am liebsten albanische Lieder, und „Spaß haben“, sagt Alma.

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