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Handwerk

"Rate meinen Kindern, eine Ausbildung zu machen"

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Malermeister Jochen Honikel über den beständigen Wert handwerklicher Fähigkeiten und den ständigen Wandel der Berufe.

Herr Honikel, Sie sind Betriebswirt und Malermeister. Müssten Sie nicht auch noch IT-Fachmann sein, um Ihren Betrieb in die Zukunft führen zu können?
Es würde mir nicht helfen, ein Programmierer zu sein. Die Digitalisierung sehe ich vor allem als technische Herausforderung. Ich muss wissen, welche Maschinen es auf dem Markt gibt, welche Tools, etwa zur Kommunikation oder Planung, ich nutzen kann. Das ist für mich wie ein neuer Pinsel, den ich anschaffe. 

Welches Tool könnte das sein?
Wir werden künftig die Kapazitätsplanung online in der Cloud machen. Obwohl wir im Jahr 2018 leben, steht bei uns noch immer auf einer Magnettafel, wo jemand eingesetzt wird, welche Fahrzeuge er zur Verfügung hat und welche Maschinen er braucht. Künftig können alle auf ihren Dienst-smartphones schon morgens sehen, wo sie eingeteilt wurden und wann sie dort sein müssen. 

Können Sie das allein oder brauchen Sie Unterstützung?
Dazu muss ich mir Hilfe einkaufen, aber das ist vom finanziellen Aufwand noch überschaubar. Unsere kompletten Server in die Cloud zu heben, können wir derzeit aber nicht stemmen. 

Könnten Sie es sich leisten, einen Mitarbeiter einzustellen, der sich vorrangig um Digitalisierung kümmert? Etwa Ihre gesamte Materialwirtschaft digitalisiert? 
Das, was ein solcher Mitarbeiter kosten würde, können die 20 Mitarbeiter auf der Baustelle nicht erwirtschaften. 

Dem Handwerk geht es ja blendend, seit sieben Jahren boomt die Wirtschaft. Bremst das die Modernisierung, weil die Chefs abends müde ins Bett fallen und die vollen Auftragsbücher keinen Anlass zur Sorge geben? 
Auch ein Drei-Mann-Unternehmen muss modernisieren, daran führt kein Weg vorbei. Aber die Fortschritte in der Industrie sind viel größer, die Effizienzsteigerung dort liegt bei zehn Prozent im Jahr. Das können kleinere Handwerksbetriebe eher nicht. Das kann dazu führen, dass wir nicht mehr konkurrenzfähig sind. 

Was ist zu tun? Wer sich nicht weiterentwickelt, muss weichen. 
Wir brauchen fachkompetente Berater, die den Markt und den aktuellen Stand der Technik kennen. Zurzeit haben wir drei solche Berater.

Das sind angesichts von 75 000 Betrieben in Hessen nicht allzu viel.
Das stimmt. Wir sind aber gerade dabei, eine Bestandsaufnahme zu machen. Was gibt es schon in den Betrieben? Was fehlt? Was ist zu tun? Wenn wir das wissen, können wir gezielt den einzelnen Betrieben helfen. Wir haben ja nicht nur die drei Digitalisierungsberater, sondern 25 Betriebsberater und über die Innungen, Kreishandwerkerschaften und Handwerkskammern ganz hervorragende Strukturen, um das Wissen bis in den letzten Winkel des Landes zu tragen. 

Wie verändert das das Handwerk selbst?
Mein Ururgroßvater hat sehr viele Hochzeitstruhen bemalt. Deshalb war er Imker. Er brauchte das Wachs, um seine Lacke herzustellen. Wir bemalen keine Truhen mehr, sondern stehen auf Hebebühnen und spritzen Fassaden. So hat sich der Beruf des Malers gewandelt. Aber wir sind immer noch Maler, auch wenn wir inzwischen sehr viele andere Arbeiten miterledigen. So wird auch die Digitalisierung unsere Tätigkeiten verändern, aber wir werden Maler bleiben. 

Was heißt das für die Mitarbeiter? Wird es künftig im Handwerk noch einfache Tätigkeiten geben oder brauchen Sie bald nur noch Menschen, die hochentwickelte Maschinen bedienen können?
Ich weiß nicht, wo die Reise hingeht. Werden wir uns immer mehr spezialisieren und technisieren? Oder müssen wir viel mehr zu Generalisten werden, die dem Kunden alles rund um seine Wünsche zum Badumbau bieten können? Was muss ein Auszubildender lernen, damit er darauf vorbereitet ist? Darüber müssen wir reden. Stattdessen wird darüber gestritten, ob der Trockenbauer nun zum Bauhauptgewerbe gehört oder zum Baunebengewerbe. Statt uns in Kleinkriege zu verstricken, müssen wir zusammenrücken und uns fragen, wie wir das Handwerk insgesamt voranbringen. 

Wie kann das geschehen?
Wir brauchen eine wissenschaftlich fundierte Folgenabschätzung der Digitalisierung. Der Metzger, der heute seinen Laden umbaut, verschuldet sich für 20 Jahre. Der muss doch wissen, welche Technik er einbauen soll. Wir haben vor zehn Jahren in Häusern bis in den letzten Winkel Glasfaserkabel für Internet verlegt. Jetzt gibt es WLAN und die Investition ist verbrannt. 

Würden Sie Ihren Kindern raten, ein Handwerk zu erlernen?
Ich werde ihnen raten, eine Ausbildung im Handwerk zu machen. 

Warum?
Ich halte das für eine ganz wichtige Kompetenz für die Zukunft. Was man im Handwerk lernt, ist die Basis für spätere Tätigkeiten. Darauf kann man aufbauen. Bei unserem Neujahrsempfang werde ich das Beispiel aus dem Film Mission: Impossible vorstellen. Da geht ein hochtechnisiertes Team mit tollen Maschinen und ganz komplexen Daten um. Aber die klettern Fassaden hoch, löten, schweißen, die haben alle handwerkliche Fähigkeiten. Ohne das würde Tom Cruise niemals durch die Belüftungskanäle klettern können, um die Welt zu retten.

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