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Priska Hinz (links), hier mit der hessischen Erdbeerkönigin Nicole I., hat die fröhliche Namensgebung reaktiviert.

Gut gebrüllt

Die tollste Kolumne der Welt

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Die Starke-Hessen-Glosse über großartige Programme und geniale Spracherfinder.

Es ist Mode geworden, ernsten Gesetzen putzige Namen zu geben und Projekte mit einer netten Bezeichnung zu verschönern. „Alles ist ,gut‘ und ,stark‘“, stellt der Friedrichsdorfer Bürgermeister Horst Burghardt (Grüne) genervt fest. Denn längst nicht alles, was gut und stark genannt wird, ist wirklich gut und stark.

Burghardt war in dieser Woche mit dem Frankfurter Bürgermeister Uwe Becker (CDU) und den Bürgermeistern anderer hessischer Städte in Wiesbaden vorstellig geworden, um ein Gesetz zu geißeln, dem die Landesregierung den hübschen Namen „Starke Heimat Hessen“ gegeben hat. Nach Ansicht der Stadtoberen macht das Programm dem Namen aber keine Ehre. „Es nivelliert, das schadet der Leistungsfähigkeit der starken Städte“, monierte der Frankfurter Bürgermeister und Kämmerer Becker. Damit werde es zu einem „Schwache-Kommunen-Gesetz“.

Wer die Hoheit über die Namensgebung besitzt, kann die öffentliche Meinung damit beeinflussen. Das erleben wir seit Jahren, aber selten so krass wie derzeit.

Im Bund wird das „Gute-Kita-Gesetz“ verabschiedet oder das „Geordnete-Rückkehr-Gesetz“. Kritiker versuchen dann, mit eigenen Begriffen gegenzusteuern, um Beschönigungen offenzulegen. Horst Seehofers Asylpaket heißt für sie (und uns) „Hau-Ab-Gesetz“, was die politische Absicht deutlich korrekter wiedergibt als „Geordnete-Rückkehr-Gesetz“.

In Hessen hatte der Hang zur freundlichen Namensgebung Hochkonjunktur unter dem früheren Regierungssprecher Dirk Metz. Der schaffte es, dass ein Hochschul-Bauprogramm „Heureka“ hieß, Kinderbetreuungs-Programme „Knirps“ oder „Bambini“ und ein Forschungsprogramm „Loewe“. Metz erfand meistens sogar noch lange Namen, die als Abkürzungen genau die gewünschten Begriffe hervorbrachten. „Bambini“ etwa stand für „Betreuungsplätze ausbauen, Mittel bereitstellen, in Nachwuchs investieren“. Darauf muss man erst mal kommen. Der Höhepunkt des Metz’schen Erfindungsreichtums war es aber, eine Rotstiftaktion ohnegleichen als „Operation sichere Zukunft“ zu beschönigen. Bei den Kritikern setzte sich stattdessen die Bezeichnung „Operation düstere Zukunft“ durch.

Leidenschaft  für fröhliche Namensgebung

Mit dem Abschied des Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) und seines Regierungssprechers Metz vor fast einem Jahrzehnt trocknete die Leidenschaft der Landesregierung für fröhliche Namensgebung ein bisschen ein. Inzwischen ist sie unter Schwarz-Grün in voller Pracht aufgeblüht.

Gerade fällt es uns bei den Stationen der Sommertour von Umweltministerin Priska Hinz ins Auge. Am Donnerstag übergab die Grünen-Politikerin in Ringgau-Netra einen Förderbescheid aus dem Programm „Starkes Dorf“. Was soll das Dorf starkmachen? Die Anschaffung von acht neuen Rastbänken am Sportplatz.

Zwei Tage zuvor hatte sie noch mehr zu bieten. Sie nahm das öffentliche WLAN auf der Grube Fortuna in Betrieb, dem Besucherbergwerk in der Nähe von Wetzlar. Aber öffentliches WLAN wäre viel zu fade für ein Programm, das lecker klingen soll. Also pflanzte Hinz, wie es im Regierungssprech heißt, eine „Digitale Dorflinde“.

Am gleichen Tag hatte sie 22.000 Euro zugesagt, „um den geschädigten Quellsumpf in Dreisbach wieder in seinen natürlichen Zustand zu versetzen“. Wo das Geld herkommt? Aus Mitteln der Umweltlotterie „Gemeinsam für Natur und Umwelt“. Wie praktisch, dass die Langfassung des Lotterienamens eine einprägsame Abkürzung ermöglicht: GENAU.

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