Wie weich und sexy Klopapier sein kann, stellen die Teilnehmer als Tanz dar.
+
Wie weich und sexy Klopapier sein kann, stellen die Teilnehmer als Tanz dar.

Theater in Frankfurt

Toilettenphilosophie in Frankfurt

  • Lara Feder
    vonLara Feder
    schließen

Jeder muss mal aufs Klo, doch keiner spricht drüber. Mit dem Paradoxon beschäftigt sich die Inszenierung "Klosettosophie" des Frankfurter Vereins Spinnkultur.

Was verbindet alle Menschen? Was kann keiner auslassen? Das haben sich die Mitglieder des Frankfurter Vereins Spinnkultur bei der Vorbereitung eines Theaterprojekts gefragt – und eine Antwort gefunden: Es ist der Gang zur öffentlichen Toilette. „Doch damit kamen neue Fragen auf: Wenn doch jeder dort mal hin muss, warum spricht trotzdem keiner drüber? Warum kommt in einer Schlange vor dem Klo anders als in der vor der Disko meistens kein Gespräch unter den Wartenden auf?“, erklärt Jona Schmidtmann von Spinnkultur.

Eine Antwort hat der Verein nicht gefunden. „Das war auch nicht das Ziel. Stattdessen haben wir 15 Frankfurter Bürger gefunden, die als Laien-Darsteller den Fragen nachgehen“, so Schmidtmann. Das Ergebnis ist das Stück „Klosettosophie“. Durch Tanz, Theater, Musik und Video nähern sich die Darsteller mit der „Philosophie des Klosetts“, so der Untertitel der Inszenierung, dem Klo – oder jedenfalls dem Thema Klo.

WC, Abort, 00, Klo, Lokus, stilles Örtchen, Donnerbalken – die Bezeichnungen für die Toilette sind vielschichtig. Ebenso wie die Collage, die die Darsteller zusammen mit sieben Vereinsmitgliedern entwickelt haben. Dafür haben sie recherchiert, Passanten und Personal befragt, die Interviews gefilmt. Was passiert mit den 50 Cent Toilettengebühr? Wie dreckig sind die Klos wirklich? Was findet eine Putzfrau an ihrer Arbeit schön?

Schau nach rechts. Refugees welcome. Ich war hier. Marie, ich liebe dich. ACAB – All Cops Are Bastards. Sprüche, die jeder von Toilettenwänden kennt. Schnell hingekritzelt, haben sie doch mehr als nur eine Aussage. Sie sind auch Spiegel der Gesellschaft. So sehen es jedenfalls die Darsteller.

Ein Querschnitt der Gesellschaft sind die Mitspieler: Männer und Frauen jeden Alters. Flüchtlinge und Behinderte. Studierende und Arbeitende. Sie alle eint: der Gang zum Klo. Und doch sieht der bei allen anders aus. Da ist zum Beispiel die Bühnenfigur Gilda. Für sie gleicht der Besuch einer öffentlichen Toilette einem Spießrutenlauf. Jeglichen Hautkontakt vermeidet sie, stattdessen hantiert sie großzügig mit Desinfektionsspray. Auf ihrem Youtube-Kanal „Gildas Putzpalast“ gibt sie Tipps, stellt neue Hygienesprays vor. Ekel wird ironisch auf die Spitze getrieben.

Ein Problem, das für eine andere Darstellerin beinahe der reine Sarkasmus ist. Denn im Rollstuhl sitzend, sind manche öffentlichen Toiletten für sie schlicht unerreichbar. Dass es mit Hilfe doch geht, zeigt ein Tanztrio auf der Bühne.

Im Fokus der Inszenierung steht die Begegnung zwischen Menschen, die sich im öffentlichen Raum einer Toilette zwar begegnen, aber dennoch nebeneinander her leben.

Deckel auf. Klobrille abwischen. Hose auf. Hose runter. Setzen. Abputzen. Papier wegschmeißen. Spülen. Bewegungen, die jeder von uns kennt und mehrmals am Tag ausführt. In der Inszenierung werden sie zu einer ausgefeilten Choreografie. Als Tanz sieht der Zuschauer seine eigenen Bewegungen, schaut quasi sich selbst zu.

Mit anderen Augen lernt er auch, Klopapier zu sehen: Ist es nicht schön und weich? Die Darsteller schmiegen sich an ein Stückchen Papier, streichen sich über die Haut, lassen es in der Luft flattern. Die Inszenierung geht noch ein Stück weiter: Ist Klopapier nicht sogar sexy? Davon handelt jedenfalls ein selbst komponiertes Lied auf Persisch.

Im Stück geht es mitunter deftig zu: So wird über die richtige Technik zum Abputzen des Hinterns philosophiert ebenso wie über die Frage, ob Klos mit „Kackteller“ sinnvoller sind als andere oder welche Steh-Pinkel-Methoden es für Frauen gibt.

Zum Stück gehört eine Ausstellung. „Es haben einfach nicht alle Aspekte Platz in der Inszenierung gefunden“, erklärt Schmidtmann. Ein Teil der Ausstellung: Eine Klofrau, die sonst auf der Frankfurter Dippemess am Toilettenhäuschen sitzt. Für die „Klosettosophie“ schiebt sie ausnahmsweise im Kinder- und Jugendtheater Dienst. Und steht Rede und Antwort.

Zuguterletzt: Welche öffentliche Toilette kann Schmidtmann besonders empfehlen? „Die in der Innenstadt sind alle okay – kosten aber. Drumherum sind die stillen Örtchen zwar meistens kostenlos, aber auch versifft. Und übrigens: Schummeln bei den Gebühren ist echt unfair. Denn die decken gerade mal die Kosten für Personal, Miete, Infrastruktur.“

Kommentare