Interview

Tödliche Geschosse

Der Tornado-Experte Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst über Wirbel mit Folgen und wie sich Menschen am Besten schützen können.

Herr Friedrich, ist ein Tornado wie der am Montag über Mittelhessen die Ausnahme?

Absolut nicht. Ich sitze gerade am Computer und analysiere die Ereignisse. Nach den Radar-Informationen zog gestern am späten Nachmittag und am frühen Abend eine Linie eingelagerter Gewitter und Schauer von Nordhessen in Richtung Mittelhessen, und in der Region hauptsächlich zwischen Grünberg und Homberg/Ohm hat sich regional und kurzfristig, also für wenige Minuten, am Boden ein Tornado gebildet.

Noch einmal: Kommt das oft vor?

Manche Tornados werden nicht erkannt, weil sie über freies Feld ziehen und nichts anrichten. Bei denen, die folgenreich wüten, gab es in Hessen in diesem Jahr schon einen im März in Marburg. Bundesweit gibt es schätzungsweise 20 bis 60 verifizierte Tornado-Ereignisse mit Schäden im Jahr – also solche, die zweifelsfrei nachgewiesen werden können. In Hessen gehen wir von einem Wirbelsturm bis hin zu acht Tornados im Jahr aus. Die Dunkelziffer mit nicht entdeckten Fällen sinkt allerdings.

Sind die immer so schnell vorbei?

Durchaus nicht, manche können eine halbe Stunde oder sogar eine Stunde lang am Boden toben. Das kommt aber in Deutschland selten vor. Typischerweise sind die Zeiträume bei uns eher kurz.

Was ist so schlimm an einem Tornado?

Die extrem hohen Windgeschwindigkeiten. Es dreht sich alles sehr schnell um eine senkrechte Achse und die Luft steigt nach oben und rotiert. Falls die drehenden Winde den Boden erreichen, beginnt die Zerstörung.

Mit welchen Folgen?

Dächer werden abgedeckt, Bäume stürzen um, Autos können herumgewirbelt werden. Besonders tückisch sind wegen der hohen Windgeschwindigkeiten herumfliegende Trümmerteile, die durch die Luft schleudern. Die können zu tödlichen Geschossen werden.

Gewitter werden oft mit einem Tornado verwechselt.

Stimmt. Tornados wirken vergleichsweise kleinräumig.

Gelten denn die gleichen Verhaltensregeln bei den Wirbeln wie bei einem Gewitter?

Nein, beim Tornado muss man sich ganz anders verhalten. Bei Blitz und Donner wird ja beispielsweise wegen der bekannten Wirkung des Faradayschen Käfigs empfohlen, sich etwa in ein Auto zu setzen.

Und beim Tornado?

Wenn ich eine ausreichende Sicht darauf habe, wie sich der Tornadokreisel von den Wolken nach unten senkt, kann ich versuchen, ihm auszuweichen. Es ist ganz wichtig, quer zur Zugrichtung des Tornados Abstand zu halten. Es kann schon wenige hundert Meter rechts und links von ihm ungefährlich sein.

Und in einem Haus?

Möglichst in den Keller gehen und weg von allen Öffnungen wie Fenstern und Türen.

Interview: Petra Mies

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