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Gut gebrüllt, Pitt.

Gut gebrüllt

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Hessens Landespolitik produziert weise und weniger weise Seiten. Die Kolumne aus dem Landtag.

Das CDU-Wahlprogramm „Damit Hessen stark bleibt“, über das an diesem Wochenende beraten wird, umfasst 115 Seiten. Die SPD hat mehr zu bieten. Ihr „Zukunft jetzt machen“ bringt es auf 172 Seiten. Dabei ist der „Hessenplan plus“ des Spitzenkandidaten Thorsten Schäfer-Gümbel („Mein Hessen von morgen“) noch gar nicht berücksichtigt: 34 Seiten plus 85 Seiten „Aktionsprogramme“.

Dann kommen die Programme der anderen Parteien dazu. 140 Seiten „Kurs setzen, Segel setzen, Fahrt aufnehmen“ (Die Grünen), 90 Seiten „Gemeinsam für ein soziales, ökologisches, friedliches und buntes Hessen“ (Die Linke), 112 Seiten „Das Programm der Freien Demokraten Hessen zur Landtagswahl 2018“ (wenig überraschend: FDP), 90 Seiten „Hessen. Aber sicher“ (AfD), 111 Seiten „6½ Gründe für ein besseres Hessen“ (Freie Wähler). Oder, wer sich lieber duzen lassen möchte: 26 Seiten „Piratenpartei Hessen. Programm zur Landtagswahl 2018“ („Schön, dass Du einen Blick in unser Programm zur Landtagswahl 2018 wirfst“.) Wer soll das alles lesen?

Manche sagen ja, kein Mensch lese ein Programm. Dieser Satz, urteilte der CDU-Vorsitzende Volker Bouffier in dieser Woche, sei „richtig und falsch zugleich“. Viele Menschen würden tatsächlich keine Parteiprogramme lesen. Aber dann gebe es eben auch viele, die sich so intensiv damit beschäftigten, dass sie sogar dafür kämpften, ob ein „aber“ oder „sondern“ den Nebensatz einleite.

115 Seiten Programm plus 400 Änderungsanträge, die bei der CDU beraten werden sollen – das ist eine Menge Papier. Ausgedruckt für mehr als 300 Delegierte, für Pressevertreter und Gäste kommt man auf noch viel mehr.

Aber all das ist nichts gegen die Papiermengen, die in der Ministerialbürokratie über die Tische wandern, in Ordnern verstaut, gelesen oder nicht gelesen, abgezeichnet und weitergeleitet werden. Seit dieser Woche wissen wir, um welche Mengen es dabei geht.

Das verdanken wir dem SPD-Abgeordneten Heinz Lotz, der sich als forstpolitischer Sprecher seiner Fraktion für alles interessiert, was aus Holz gemacht wird. Also erfragte er, welche Papiermengen das Land Hessen benötigt.

Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) antwortete „im Einvernehmen“ mit Umweltministerin Priska Hinz (Grüne). Seitdem ist es raus: Innerhalb eines Jahres – von Mitte 2017 bis Mitte 2018 – wurden von der öffentlichen Beschaffung des Landes Hessen genau 252 861 Kartons Papier geordert. Darin befanden sich mal 2500 Blatt, mal nur halb so viel. Es dürften summa summarum mehr als 500 Millionen Blatt Papier auf den Schreibtischen der hessischen Dienststellen gelandet sein. Also pro Tag deutlich mehr als eine Million.

Aber nicht irgendein Papier! In der hessischen Landesverwaltung geht es schließlich umweltfreundlich zu. Eingekauft werde ausschließlich Ware mit einschlägigen Siegeln, versichert Minister Schäfer.

„Wie viele Hefte schreibt ihr im Laufe eines Schuljahres voll?“, fragt Uli, die Eule. Sie will Kinder dazu erziehen, sparsam mit Papier umzugehen. Im Auftrag von Finanzminister Schäfer. Es gibt sie mit dem Text von Christian Jöricke und den Bildern von Teresa Habild als Download beim Ministerium. Oder als Broschüre auf 28 Seiten Recyclingpapier. Die ist amüsanter anzuschauen als die meisten Parteiprogramme.

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