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Thorsten Schäfer-Gümbel zieht Bilanz.

SPD in Hessen

Thorsten Schäfer-Gümbel: Abschied mit Wehmut

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Der Sozialdemokrat Thorsten Schäfer-Gümbel verlässt den Hessischen Landtag und freut sich, dass dort das „Hasserfüllte“ in seiner Ägide aufgehört habe.

Mit einer „ordentlichen Portion Wehmut“, aber ohne Bitterkeit hat sich Thorsten Schäfer-Gümbel am Dienstag aus dem Hessischen Landtag verabschiedet. „Ich plane ausdrücklich keine Rückkehr, aber schließe sie auch nicht aus“, sagte der scheidende SPD-Fraktionschef.

Der 49-jährige Politologe verließ die Landespolitik so, wie er sie über 16 Jahre lang mitgeprägt hatte – „kopflastig“ und „diszipliniert“, wie er sich selbst charakterisierte. Zu seiner letzten Pressekonferenz und zu seiner letzten Rede im Parlament hatte er Zahlen über sein Wirken mitgebracht. An 484 Plenartagen sei er dabei gewesen („Ich glaube, ich habe an drei gefehlt.“), 319 Reden und 162 „weitere Wortbeiträge“ habe er gehalten und alleine 30 Zwischenrufe bei einer Regierungserklärung von Ex-Ministerpräsident Roland Koch (CDU) beigesteuert, berichtete der Sozialdemokrat.

Wirklich stolz ist Schäfer-Gümbel aber auf andere Leistungen. Zum Beispiel auf den Kurs, den die SPD-Fraktion unter seiner Führung in der Zeit der Zuwanderung von Flüchtlingen 2015 eingeschlagen hat. In dieser „Humanitätskrise“, wie Schäfer-Gümbel es nennt, hatte die SPD mit der schwarz-grünen Regierung dafür gesorgt, dass mehr Lehrer, Sozialarbeiter und Polizisten eingestellt wurden, um den Zusammenhalt der Gesellschaft zu sichern. „Das hat uns parteipolitisch überhaupt nichts gebracht, aber es war für das Land wichtig“, hielt er sich im Rückblick zugute. Das sei „eine Frage des Anstands“ gewesen.

In den gut zehn Jahren an der Fraktionsspitze habe er sich bemüht, das Klima im Parlament zu verbessern, schilderte Schäfer-Gümbel. Damals habe ein „hasserfüllter“ Ton im hessischen Parlament geherrscht. Das habe sich geändert, stellte der SPD-Politiker fest und schrieb sich einen Beitrag daran zu.

Schäfer-Gümbel dankte fünf Fraktionsvorsitzenden – allen außer der AfD – für die oft kontroverse, aber konstruktive Zusammenarbeit. Diese gaben den Dank zurück. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) teilte mit: „Ich habe ihn trotz unterschiedlicher politischer Auffassungen als einen an der Sache orientierten Politiker kennengelernt, der stets ein offenes Ohr hatte.“

Schneller als bisher vorgesehen scheidet Schäfer-Gümbel aus seinen anderen politischen Funktionen aus. Ab dem 1. Oktober will er seine Ämter als hessischer Landesvorsitzender und kommissarischer Bundesvorsitzender der SPD nur noch formell wahrnehmen und sich politisch nicht mehr einmischen. Die Landes-SPD wählt im November eine neue Parteispitze, die Bundes-SPD im Dezember.

Am 1. Oktober nimmt der Politologe seine neue Tätigkeit als Arbeitsdirektor der Entwicklungshilfeorganisation GIZ auf. Kritik daran, dass er als Ex-Politiker einen Topposten in dem staatlichen Unternehmen bekommt, wollte Schäfer-Gümbel nicht kommentieren. Fragen dazu müsse man an den Aufsichtsrat der GIZ richten.

Ende September will Schäfer-Gümbel seine Homepage und seine Facebook-Seite abschalten. Facebook sei ohnehin „nicht mein Medium“, sagte er – anders als Twitter. In zehn Jahren hat der SPD-Fraktionschef früher als andere und sehr fleißig getwittert. Mehr als 22 000 Kurznachrichten hat er über den Dienst verbreitet und damit fast 30 000 Follower erreicht.

Künftig wolle er nur noch privat twittern, und überhaupt werde er den künftig Verantwortlichen nicht „von der Seitenlinie“ reinreden, versicherte er.

Zum Abschluss erinnerte Schäfer-Gümbel noch einmal an seinen schwierigen Start ins Amt. Im Jahr 2009 war der damals weithin unbekannte Mittelhesse eingesprungen, nachdem einige Sozialdemokraten die Wahl von Parteichefin Andrea Ypsilanti zur Ministerpräsidentin hatten scheitern lassen.

Seinerzeit war der Neuling in vielen Medien wegen seiner dicken Brille und seines Doppelnamens verulkt worden. Auch zehn Jahre später machte Schäfer-Gümbel deutlich, wie sehr ihn das befremdet und geschmerzt hat.

Am Mittwoch soll die Innenpolitikerin Nancy Faeser zur neuen SPD-Fraktionschefin gewählt werden. Die 49-jährige Schwalbacherin verfüge über „eine wirklich gute Art, auf Menschen zuzugehen“, lobte Schäfer-Gümbel und räumte ein, „vielleicht etwas mehr als ich“.

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