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Anna Amell (links) und Darinka Mertsch spielen in „The Unseen“ die Gefangenen.

Wiesbaden

Theater in Wiesbaden trotzt Corona

  • Anja Laud
    vonAnja Laud
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Das Wiesbaden English Language Theater zeigt mit dem Gefangenendrama „The Unseen“ 2020 sein fünftes Stück.

Zwei Frauen sitzen in einem Gefängnis. Sie sind gefoltert worden, um Verbrechen zu gestehen, die sie nicht begangen haben. Sie haben nur sich und eine unsichtbare Mitgefangene, die über einen Code mit ihnen kommuniziert. Und ihren Folterer. Mit „The Unseen“ bringt das Wiesbaden English Language Theater (WELT) in deutscher Erstaufführung ein anspruchsvolles Theaterstück des puerto-ricanischen Dramatikers Craig Wraight in englischer Sprache auf die Bühne. Es ist die fünfte Produktion in diesem Jahr. Trotz Corona.

„Gegenüber anderen Theatern haben wir in diesen Zeiten den Vorteil, dass alle bei WELT ehrenamtlich arbeiten und dass wir viele regelmäßige Spenden auch aus den USA bekommen“, sagt Theaterleiter Keith D. Greenleaf. Letzteres hat mit der Geschichte der Spielstätte und Greenleafs eigenem Lebensweg zu tun. Der US-amerikanische Regisseur und Schauspieler kam wegen seiner deutschen Frau 1985 nach Deutschland und arbeitete 1995 am Frankfurt Playhouse, dem damaligen Theater der US-Streitkräfte. Danach wechselte er an das Amelia Earhart Playhouse der US-Armee in Wiesbaden. 2011 entschied er sich, dort zusammen mit zwei Kollegen ein eigenständiges, englischsprachiges Theater zu gründen: das WELT. Als Veranstaltungsort nutzte das Ensemble, das sich für jede Produktion immer wieder neu formiert, über Jahre das Georg-Buch-Haus, ein Bürgerhaus im Westend von Wiesbaden. Seit Januar diesen Jahres hat das WELT eine eigene Spielstätte: das Wiesbaden Performing Arts Center (WPAC) in der Hellmundstraße 33.

WELT

„The Unseen“ hat am Freitag, 23. Oktober, 19.30 Uhr, im Wiesbaden English Language Theater (WELT) im Performing Arts Center, Hellmundstraße 33, Deutschland-Premiere. Weitere Aufführungen sind für den 24., 30. und 31. Oktober sowie den 6. und 7. November, jeweils 19.30 Uhr, angekündigt. Zusätzlich werden Nachmittagsaufführungen angeboten, und zwar am 25. Oktober sowie am 1. und 8. November jeweils um 15 Uhr. lad Karten sind online erhältlich. www.ticketsource.eu/wpac

Im Februar konnten Greenleaf und seine Truppe die neue Heimstatt noch mit „Boing Boeing“, einer für die englischsprachigen Bühne adaptierten französischen Farce, einweihen, dann fiel auch im WELT wegen Corona der Vorhang, allerdings nur für die Zeit des Shutdowns. Danach machten sich Greenleaf und seine Kolleginnen und Kollegen wieder an die Arbeit. Zwei Theaterstücke und eine szenische Lesung brachten sie in den folgenden Monaten auf die Bühne, fast alle Vorführungen waren ausverkauft.

Dabei machen die Theaterleute aus einer Besonderheit ihres neuen Theaters eine Tugend. Bevor das WELT die Räume in der Hellmundstraße bezog, standen diese fünf Jahre leer. Davor hatte eine Religionsgemeinschaft sie genutzt. Es gibt deshalb dort keine feste Bühne und keine festen Sitzreihen. Ein Umstand, der den Theaterleuten jetzt während der Pandemie nicht nur hilft, alle geforderten Sicherheitsabstände einzuhalten. Der offene Raum ermögliche es auch, so Greenleaf, für jede neue Inszenierung eine neue Spielsituation zu entwickeln. Bei „The Unseen“, das am Freitag, 23. Oktober, Premiere hat, werden die Zuschauerinnen und Zuschauer, 25 Personen sind erlaubt, wie in einem Amphitheater um die Bühne sitzen.

Auch bei der Auswahl der Theaterstücke geht das WELT weg von allzu Gängigem. „The Unseen“ ist in deutscher Erstaufführung zu sehen und in einer Besetzung, die so im Skript nicht vorgesehen war. Alle drei Rollen werden, anders als im Original, nicht von Männern, sondern von Frauen gespielt: Darinka Mertsch, Anna Amell und Julia Rian. Greenleaf holte sich von dem Autoren Craig Wraight, der für die mit Preisen überhäufte US-Erfolgsserie „Six Feet Under – Gestorben wird immer“ schrieb, dafür die Erlaubnis.

Auch die sechste Produktion in diesem Jahr steht schon fest. In der Weihnachtszeit bringt das WELT „Making God Laugh“, ein nostalgisches Familienstück des US-amerikanischen Dramatikers Sean Grennan auf die Bühne, bei dem das Publikum einer Familie über den Zeitraum von 30 Jahren in die Ferien folgt. Bremsen würde die Theaterleute nur ein neuer Shutdown.

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