1. Startseite
  2. Rhein-Main

Darmstadt: Theater für alle Schichten

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Spot on: Katja Elvira Weber und Ulrich Goetz (vorne) erzählen Volker Schmidt (hinten l.) und Maximillian Löwenstein ihre Geschichten.
Spot on: Katja Elvira Weber und Ulrich Goetz (vorne) erzählen Volker Schmidt (hinten l.) und Maximillian Löwenstein ihre Geschichten. © Renate Hoyer

Beim Staatstheater in Darmstadt gibt es ein Casting für die neue Produktion „Darmstadt represent!“. Die Premiere ist am 7. Mai.

Ein Casting beim Staatstheater in Darmstadt hat mit einem geläufigen Castingformat eines privaten TV-Senders etwa so viel zu tun wie Marie Curie mit Heidi Klum oder Wiener Walzer mit Table Dance. Die Atmosphäre ist herzlich, entspannt und so gar nicht glamourös. Kommt bei einem der Teilnehmenden doch mal ein bisschen Lampenfieber auf, kann Juror und Regisseur Volker Schmidt sofort beruhigen.

Gemeinsam mit dem Dramaturgen Maximilian Löwenstein suchte er am Wochenende Akteur:innen für „Darmstadt represent“: „Das wird ein Stationentheater mit Profis und eben den Laien, die wir hier casten. Das Ganze wird um den Luisenplatz herum an verschiedenen Stationen stattfinden. Es wird barrierefreie Touren geben für Menschen, die nicht gut zu Fuß sind, aber auch solche, bei denen es in den Untergrund geht oder hoch hinaus über die Dächer Darmstadts.“

Staatstheater Darmstadt: Geschichten über die Lilien beim Casting

Theater ist dann nicht mehr nur gut für den Geist, sondern auch für den Körper. Sitzen ist out, Erkunden und Erleben eines der Ziele. Das sind einerseits neue Erfahrungen für eingefleischte Theatergänger, aber vor allem sollen Menschen, die sonst keinen Zugang zu Kultur haben, an das Theater herangeführt werden: mithilfe von Alltagsgeschichten und ganz normalen Leuten, die Darmstadts Stadtbild prägen.

„Wir haben 28 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund in der Stadtgesellschaft, aber auf der Bühne sieht man überwiegend Menschen wie Volker und mich“, sagt Löwenstein. „Wir versuchen also, Theater zu machen, das alle Schichten der Gesellschaft interessiert.“ So trägt beim Casting der 75-jährige Ulrich Goetz seine Geschichten der Darmstädter Lilien vor und philosophiert über den Wandel des Fußballs in der Stadt von der Nachkriegszeit bis heute. Die 50-jährige Katja Elvira Weber traut sich nach Jahrzehnten der Schüchternheit nun endlich auf eine Bühne und möchte mit ihrem Ausdruckstheater das Grüne ihres Wohnorts hervorheben.

Darmstadt: Die Vision von einer diverseren Theaterwelt

Und Pasiano Pillilao, ein Rastafari mit langen Dreadlocks, gibt neben einem Monolog aus „Leonce und Lena“ einen sehr emotionalen Vortrag über seine Religion zum Besten: „Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, weil ich so aufgeregt war, aber ich finde das Projekt großartig. Und mehr Diversität in der Theaterlandschaft ist längst überfällig, ebenso wie mehr Vielfalt in Sachen Glauben, denn Buddhismus, Hinduismus und die Rastafari-Religion sind in Darmstadt fast gar nicht vertreten.“

Visionen von einer diverseren Theaterwelt hat auch der Regisseur. Er will „einen Wirbel erzeugen, in den dann selbst Leute hineingezogen werden, die noch nie im Theater waren“. Als Künstler eines gesellschaftskritischen Theaterstücks interessieren ihn vor allem die Konfliktpunkte, und davon hat Darmstadt einige: explodierende Mietpreise, Sexismus in männerdominierten Studiengängen, der kollabierende Stadtverkehr oder auch die dunklen Seiten der City, wie die menschenunwürdigen Bedingungen der Straßenprostitution oder die Drogenszene. Und so kommt auch ein Junkie zum Casting und erzählt seine Geschichte. Bei „Darmstadt represent“ wird man vieles anders betrachten als man es bisher gesehen hat. Premiere ist am 7. Mai. (MAY-BRITT WINKLER)

Lesen Sie weiter: Bereits im Frühjahr 2019 hatte das Staatstheater Darmstadt mit „Kranichstein represent (Deutschland braucht das)“ ein Stationentheaterstück mitten in dem Stadtteil mit seinen wuchtigen und monströs wirkenden mehrgeschossigen Hochhäusern aufgeführt. Zwei Jahre nach ihrem Casting in Kranichstein wirkten dann vier junge Akteur:innen beim Stück „Wo ist Emilia G.?“ mit, das zuletzt am 22. Januar in den Kammerspielen des Staatstheaters zu sehen war.

Auch interessant

Kommentare