Aktivistin

Tessas Schockerlebnis im Dannenröder Wald

Schlief im Bauhaus und studierte online weiter: Tessa.

Die Studentin Tessa ist an ihren Erfahrungen im Dannenröder Forst gewachsen. Sie schlief in einem Baumhaus und setzte ihr Studium online fort. Von Miriam Claudi.

Tessa beschäftigte sich bereits in der Schulzeit mit der Klimakrise. Sie absolvierte Freiwilligendienste in Thailand und Ghana und engagierte sich bei den Maltesern als Einsatzsanitäterin. Greta Thunberg beeindruckte sie schließlich so sehr, dass sie sich Fridays for Future anschloss.

Und dann kam der Danni. Tessa schlief in einem Baumhaus und setzte ihr Studium online fort. Als die Räumung näherrückte, siedelte sie in das Solidaritäts-camp um. Sie übernahm organisatorische Aufgaben, führte Gespräche mit Presse und Politik und hielt Reden bei Versammlungen. Als Mutter durfte ich erleben, wie aus dem jungen Mädchen eine reflektierte Frau wurde, die für ihre Überzeugungen eintrat.

Die Räumung des Danni durch bewaffnete Polizistinnen und Polizisten mit Räumpanzern, Wasserwerfern, Helikoptern, Schlagstöcken, Elektroschockern und Pfefferspray war für Tessa schockierend. Ihren Telefonanruf nach der ersten Gewalterfahrung werde ich nicht vergessen. Selbst wenn die angedrohten Faustschläge ins Gesicht nicht ihr, sondern einem Freund galten, konnte ich ihrer Stimme sofort anhören, dass etwas passiert war. Sie sagte, was sie am meisten erschreckt hätte, sei der unverhohlene Hass im Gesicht des Polizisten gewesen. Die vereinzelnd ausufernde Gewalt der Polizei, die von der Öffentlichkeit unbemerkt stattfand, erschütterte ihr Bild der Staatsmacht nachhaltig.

Tessa ist an ihren Erfahrungen dennoch gewachsen und wird sich weiter engagieren. Sie hat im Danni gelernt, dass es möglich ist, über die eigene Komfortzone hinauszuwachsen und mutig zu sein. Der harte Konflikt mit der Staatsmacht hat bei ihr zum Nachdenken über demokratische Aushandlungsprozesse geführt; auch über die Rolle, die sie selbst darin spielt. Wie weit darf ziviler Ungehorsam gehen, ohne Demokratie zu beschädigen? Aber auch: Wann beschädigen Politik und Polizei dringend eingeforderte Aushandlungsprozesse?

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Tessa wünschte sich, dass die Politik zu einem gemeinsamen Überdenken der Autobahn 49 bereit gewesen wäre. Auf die berechtigten Anliegen der Waldbesetzung inhaltlich einzugehen und das Engagement der jungen Leute wertzuschätzen, anstatt es zu kriminalisieren, hätte eine Tür zur politischen Partizipation geöffnet.

Meine Tochter wird ihr Studium beenden und Teil der künftigen Gesellschaft sein, die die Folgen der Erderwärmung abarbeiten muss. Die Auswirkungen des Klimawandels werden sie im Kern ihrer Existenz treffen. Tessa weiß das in aller Klarheit. Und sie wird auch so klar handeln – jetzt und künftig.

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