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Der ermordete älteste Sohn der Familie Gürbüz ist im Wohnzimmer auf vielen Bildern gegenwärtig.
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Der ermordete älteste Sohn der Familie Gürbüz ist im Wohnzimmer auf vielen Bildern gegenwärtig.

Dietzenbach

Terror von Hanau:„Deutschland hat mein Kind ermordet“

  • Annette Schlegl
    vonAnnette Schlegl
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Die Eltern von Sedat Gürbüz, eines der Hanauer Opfer, wollen in seinem Heimatort Dietzenbach ein Ehrengrab für ihren Sohn und eine Stelle als dauerhaftes öffentliches Mahnmal.

Emis und Selahattin Gürbüz kämpfen mit den Tränen. Sie kämpfen aber auch für das, was den anderen in Hanau bestatteten Todesopfern des rechtsextremen Attentäters Tobias R. schon zuteil geworden ist: ein Ehrengrab. Auch ihr Sohn Sedat wurde in Hanau ermordet. Er wuchs in Dietzenbach auf, ging dort zur Schule, spielte Fußball, hatte dort viele Freunde. Sedat sei auch in den Köpfen der Menschen in Dietzenbach gestorben, sagt Emis Gürbüz. Doch die Mühlen in ihrem Heimatort mahlen langsam. Der Kampf ums Gedenken für den Sohn ist für das Ehepaar deshalb noch nicht zu Ende.

Der junge Mann mit dem schwarzen Vollbart und dem gewinnenden Lächeln ist in der elterlichen Wohnung allgegenwärtig. Auf dem Wohnzimmertisch, in den Regalen, an der Wand hinter dem Sofa, an einer Wand im Flur – überall begegnet einem sein Konterfei. Mehr als 60 Bilder erinnern Emis und Selahattin Gürbüz jeden Tag daran, was ihnen am 19. Februar 2020 von einem Killer genommen wurde: „Sedat hat das Leben geliebt, war ein Sonnenschein, ein warmherziger Mensch mit einem großen Herzen, war überall beliebt“, sagt seine Mutter. „Wenn der Mörder meinen Sohn gekannt hätte, hätte er ihn nie ermordet.“ Tobias R. habe der Familie „einen Grund zum Leben“ weggenommen. Liebevoll nimmt sie Sedats Armbanduhr in die Hand, die auf dem Wohnzimmerregal liegt. „Sein Handtuch hängt noch im Badezimmer, seine Jacke noch im Flur“, sagt sie.

Das Leid hat die 51-Jährige ausgezehrt. Zwölf Kilo habe sie abgenommen, berichtet sie. Sie sei „nicht mehr wie vorher“, könne nichts mehr im Kopf behalten. „Wir sind krank geworden, haben Magenkrämpfe, Übelkeit, schlaflose Nächte.“ Seit April sind beide einmal pro Woche in Offenbach in psychologischer Behandlung.

Die Firma hatte dem Gebäudereiniger Selahattin Gürbüz zwei Monate lang freigegeben, dann hieß es, er solle es doch mal wieder mit der Arbeit versuchen. „Ich habe es drei Monate lang probiert, aber es ging nicht“, sagt er. Ende Juni folgte eine Not-OP, weil der Blinddarm beinahe geplatzt wäre. Seitdem ist er krankgeschrieben. „Mein Körper brennt von innen, ich habe keine Kraft mehr“, erklärt er.

Jeden Tag stehen sie am Grab ihres Sohnes, der auf dem muslimischen Teil des Friedhofs beerdigt ist, manchmal sogar zweimal am Tag. „Was bedeutet es für eine Mutter, wenn das Kind durch einen Kopfschuss für immer weg ist?“, fragt Emis Gürbüz, um sich selbst die Antwort zu geben: „Seit einem Jahr gehe ich weinend zum Friedhof und komme weinend vom Friedhof.“ Die Wut steigt in ihr hoch. „Was für ein Deutschland ist das? Deutschland hat mein Kind ermordet“, sagt sie. Die Tat hätte man verhindern können, ist sie überzeugt. „Warum hatte der Attentäter Waffen? Warum wurde sein Waffenschein erneuert?“ Innerhalb von zwölf Minuten habe R. neun Menschen ermordet und fünf verletzt. „Kein professioneller Metzger kann in zwölf Minuten neun Tiere schlachten.“

Ende Oktober, gut acht Monate nach dem Attentat, sind die Dietzenbacher Stadtverordneten auf Antrag des Ausländerbeirats dem Hanauer Beispiel gefolgt. Dort hatte der Magistrat bereits Mitte Juni einstimmig beschlossen, die Grabstätten dreier in Hanau beigesetzter Opfer des Anschlags in den Status von Ehrengräbern zu erheben sowie eine Gedenkstätte für die Opfer zu errichten. Auch Sedat Gürbüz soll in Dietzenbach ein Ehrengrab erhalten, befanden die hiesigen Parlamentarier:innen; damit solle ein Zeichen gegen Rassismus gesetzt werden. Außerdem kamen sie überein, auf dem Roten Platz mitten in der Altstadt eine Gedenkstele als zentralen Ort der Erinnerung zu errichten. Das sei ein Wunsch der Familienangehörigen, schrieb der Ausländerbeirat in seinem Antrag.

„Was die anderen Kinder in Hanau bekommen haben, muss mein Sohn auch bekommen. Er ist auch ermordet worden“, sagt Emis Gürbüz. „Seit mehr als sechs Monaten kämpfe ich darum und habe Briefe geschrieben.“ Bei einem Besuch des Bürgermeisters und der Ausländerbeiratsvorsitzenden im Dezember seien das Ehrengrab und die Stele nochmals thematisiert worden. „Ich will eine Bestätigung, will etwas schwarz auf weiß, damit meine Familienangehörigen etwas in der Hand haben, wenn mir etwas passiert“, sagt sie. Der Bürgermeister habe ihr das zugesichert.

Die Stele auf dem Roten Platz soll Mahnmal und Kunstwerk zugleich sein, der einheimische Künstler Thomas Stich vom Betoncafé wird sie gestalten. Mehr als zwei Meter hoch soll sie werden, unten ein Betonsockel, obendrauf das Kunstwerk. Im Vorjahr war das Ehepaar Gürbüz zusammen mit Helga Giardino, der Vorsitzenden des Ausländerbeirats, zum ersten Vorgespräch im Betoncafé. „Wir hätten im Dezember einen weiteren Termin mit ihm gehabt, aber durch die Pandemie und den Winter hat sich alles verschoben“, sagt Emis Gürbüz. Bis Mitte des Jahres soll die Stele in der Altstadt stehen, ganz nahe an dem Ort, an dem Sedat aufgewachsen ist.

Bis zum 26. Lebensjahr lebte Sedat in der elterlichen Wohnung. Sie habe ihn schon an seinen Schritten auf der Treppe erkannt, bevor er zur Tür hereinkam, sagt seine Mutter. Mit 27 Jahren eröffnete er mit einem Freund die Shishabar „Midnight“ am Hanauer Heumarkt – dort, wo der Attentäter zuerst tötete, bevor er mordend weiterzog.

Sedat Gürbüz‘ Eltern besuchen täglich das Grab ihres Sohnes im muslimischen Teil des Dietzenbacher Friedhofs. renate hoyer

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