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Terror von Hanau: Fehler im Umgang mit Opfern

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Von: Gregor Haschnik

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Im Hanau-Untersuchungsausschuss sind Polizisten zur Betreuung der Hinterbliebenen befragt worden und haben Kritik weitgehend zurückgewiesen.

Im Untersuchungsausschuss zum Anschlag von Hanau haben Polizisten auf Nachfrage Versäumnisse im Umgang mit Opferangehörigen eingeräumt. Ein für die Kommunikation in der Tatnacht zuständiger Hauptkommissar sagte am Freitag, die Polizeihalle, in der Betroffene versammelt worden waren, sei für das Überbringen der Todesnachricht „in keinster Weise geeignet“ gewesen. In dem Trainingszentrum hätten zum Beispiel Zielscheiben gestanden, auf die mit Farbmunition geschossen werde. Zudem sei es dort kaum möglich gewesen, die Gruppen der Hinterbliebenen – die später kritisierten, es habe an Betreuung, Sensibilität und Information gemangelt – zu separieren und einzeln zu betreuen. Auch deshalb habe er schließlich die Namen der Ermordeten vor allen verlesen.

Ein Polizist, der den „Einsatzabschnitt Betreuung“ aufgebaut hatte, berichtete, er habe viel „ad hoc“ organisieren müssen. Einiges sei nicht optimal gelaufen. Die Menschen hätten anfangs draußen gestanden, weil kein Schlüssel da gewesen sei. Später sei nicht berücksichtigt worden, dass es aufgrund der Religion von Betroffenen muslimische Geistliche gebraucht hätte, nicht christliche.

Es sei schwierig gewesen, Fragen der Angehörigen zu beantworten: Verifizierte Informationen hätten längere Zeit nicht vorgelegen und die polizeilichen „Befehlsstellen“ ständig gewechselt, so der Polizist, der auf seine besondere Aufgabe mit einem vierstündigen Kurs im Jahr 2017 vorbereitet worden war. Er sehe Aus- und Fortbildungsbedarf, allerdings könne man sich auf so eine Ausnahmesituation nicht im Detail vorbereiten.

Sein Kollege sagte, die Nachsorge für die Opfer sei damals nicht gut strukturiert gewesen. Mittlerweile gebe es dafür einen speziellen Bereich bei der hessischen Polizei. Und anders als damals müsse diese jetzt in solchen Fällen psychologische Fachkräfte aus ihrer Akademie hinzuziehen.

Die Tat

Am 19. Februar 2020 ermordete ein Rassist Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtovic, Vili Viorel Paun, Fatih Saraçoglu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. Dann erschoss er seine Mutter und sich selbst. gha

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Die Befragten betonten, so gut wie möglich gehandelt zu haben, und wiesen andere Vorwürfe zurück, vor allem in Bezug auf den langen Zeitraum zwischen den Morden kurz vor 22 Uhr und den Todesnachrichten nach 6 Uhr: Der zweite Zeuge hat für Letztere nach eigenen Angaben erst um 5.15 Uhr die Freigabe erhalten und sich dann mit zwei Kollegen beraten. Zunächst hätten sie die Familien nacheinander informieren wollen und mit den Kurtovics angefangen. Das Gespräch habe länger als erwartet gedauert, gleichzeitig sei die Unruhe unter den anderen gewachsen. Daher hätten sie entschieden, die Namen zu verlesen. So hätten sie „am schnellsten Gewissheit gehabt, auch wenn es eine schreckliche Gewissheit war“. Bei der Wortwahl habe der Beamte versucht, möglichst sensibel zu sein, und sinngemäß gesagt: „Ich habe eine schreckliche Nachricht. Sie haben alle einen Angehörigen verloren, was sie zu einer Gemeinschaft macht.“ Im Ausschuss macht der Kommissar unterschiedliche Angaben zur Zahl der Namen, die er an jenem Morgen verlesen hat. Der Name Kurtovic sei nicht darunter gewesen, weil die Eltern es bereits gewusst hätten.

Ein solches Gespräch habe nicht stattgefunden, widersprachen Armin und Dijana Kurtovic im Anschluss und sagten, sie wären nicht so lange geblieben, wenn sie gegen halb sechs Gewissheit gehabt hätten.

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