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„Rassismus tötet“: Ein Graffiti-Kunstwerk erinnert unter der Frankfurter Friedensbrücke an die von einem Rassisten in Hanau ermordeten Menschen.
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„Rassismus tötet“: Ein Graffiti-Kunstwerk erinnert unter der Frankfurter Friedensbrücke an die von einem Rassisten in Hanau ermordeten Menschen.

Jahresrückblick Hessen

Terror von Hanau erschüttert Hessen

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Aus rassistischen Gründen tötet ein Mann am 19. Februar zehn Menschen.

Man liest sie an Häuserwänden und auf Plakaten, auf Bildern im Internet und auf Aufklebern an Straßenlaternen – oft mit der Aufforderung, sie niemals zu vergessen. Neun Namen von neun jungen Menschen, die mit brutaler Gewalt aus dem Leben gerissen wurden: Ferhat Unvar, Vili Viorel Paun, Sedat Gürbüz, Fatih Saraçoglu, Mercedes Kierpacz, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtovic, Kaloyan Velkov und Said Nesar Hashemi. Am 19. Februar werden sie in der Hanauer Innenstadt und im Stadtteil Kesselstadt vor und in einem Kiosk und einer Shisha-Bar erschossen – von einem 43 Jahre alten Rassisten aus Hanau, der auf seiner Internetseite Verschwörungsmythen und Massenmord-Fantasien verbreitet. Später tötet der Täter seine Mutter und sich selbst.

Am Tatabend wird in vielen Medien noch über andere Hintergründe der Morde spekuliert, doch bald ist klar: Der Täter hat seine Opfer ermordet, weil er sie für „Fremde“ hielt, die seiner Ideologie zufolge nicht in Hanau leben sollten. Seine Taten sind als rassistischer Terroranschlag einzuordnen. Der Angriff steht in einer Reihe schwerer rechter Gewalttaten in Hessen: In der Nacht auf den 2. Juni vergangenen Jahres war der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke (CDU) mutmaßlich von einem Neonazi ermordet worden, nur wenige Wochen später hatte ein 55-jähriger Rassist in Wächtersbach mehrfach auf einen Eritreer geschossen und den jungen Mann schwer verletzt. Entsprechend groß ist das Entsetzen nach den Morden von Hanau, es erfasst nicht nur Hessen, sondern die ganze Republik. Verurteilungen des Anschlags und Beileidsbekundungen kommen unterdessen aus der ganzen Welt.

Anfang März, kurz vor dem ersten Corona-Lockdown, nimmt Hanau in einer bewegenden Trauerfeier Abschied von den Opfern. Angehörige und Freund:innen der Ermordeten berichten auf der Bühne von ihrer Trauer und ihrem Schmerz, und sie erheben klare Forderungen: Die Hintergründe der Tat müssten aufgeklärt werden, die deutsche Gesellschaft müsse sich endlich eindeutig gegen den Rassismus stemmen. Politik und Zivilgesellschaft müssten einsehen, wie tief verwurzelt das Problem ist – und die Stimmen derer ernstnehmen, die Tag für Tag unter rassistischer Diskriminierung und Gewalt leiden. In der Öffentlichkeit beginnt eine Debatte über den Rassismus in Deutschland, wozu es wegen des Bekanntwerdens rechter Strukturen in Polizei und Bundeswehr auch andere Anlässe gibt. In der ganzen Republik organisieren junge, von Rassismus betroffene Menschen sich unter dem Label „Migrantifa“, diskutieren über antirassistische Praxis und Möglichkeiten von Selbstschutz.

In Hanau tut sich unterdessen Erstaunliches: Die Familien der Getöteten, die Hinterbliebenen und Traumatisierten organisieren sich ebenfalls. Als „Initiative 19. Februar“ geben sie sich gegenseitig Kraft, gedenken der Opfer und fordern von Politik und Behörden die lückenlose Aufklärung des Anschlags und seiner Vorgeschichte. Sie machen sich für eine Hanauer Erinnerungskultur stark und weisen darauf hin, dass Vili Viorel Paun kein Zufallsopfer des Täters war, sondern sogar noch versucht hatte, diesen aufzuhalten. Die Initiative vernetzt sich mit den Opfern des antisemitischen Terroranschlags vom Oktober vergangenen Jahres in Halle und organisiert sechs Monate nach der Tat eine Großdemonstration unter dem Motto „Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung, Konsequenzen“. Am Tag zuvor wird der Protestzug von der Stadt Hanau mit Verweis auf die Pandemielage verboten. Kurzfristig denkt die Initiative um, ihre kleiner gehaltene Kundgebung wird als Stream bundesweit auf Straßen und Plätze übertragen.

Auch fast ein Jahr nach dem Anschlag bleiben unterdessen bohrende Fragen offen. Wieso konnte der Täter nicht im Vorfeld gestoppt werden? Wieso durfte er legal Waffen besitzen, obwohl es Zweifel an seiner Zuverlässigkeit gab? Wieso blieben die Behörden untätig, als er mehrfach Strafanzeigen stellte, in denen er behauptete, ein mächtiger Geheimbund spioniere ihn aus? Oder als im Mai 2018 ein vermummter und bewaffneter Mann drohend vor dem Jugendzentrum in Kesselstadt auftauchte, bei dem es sich um den späteren Täter gehandelt haben könnte? Welche Rolle spielte sein Vater, der laut eines aktuellen Berichts des „Spiegel“ die paranoid-rassistische Weltsicht des Täters teilte? Im Februar werden die Taten von Hanau sich das erste Mal jähren. Spätestens dann wird der Ruf nach Erinnerung, Aufklärung und Konsequenzen wieder lauter werden.

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