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Telefonbetrug: Geld wandert vom Bankkonto in die Mülltonne

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Von: Oliver Teutsch

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Bei unbekannten Nummern ist Vorsicht geboten. Foto: panthermedia.net / Ronalds Stikans
Bei unbekannten Nummern ist Vorsicht geboten. © PantherMedia / Ronalds Stikans

Gesprächsmitschnitt zeigt perfide Masche. Prävention in der Pandemie deutlich schwieriger geworden.

Birgit Seitz hat kein einfaches Amt übernommen. Sie ist im Frankfurter Polizeipräsidium seit zwei Jahren für die Seniorenprävention zuständig, doch die ist in Zeiten der Pandemie nicht einfacher geworden. Ältere Menschen gezielt zu informieren, gelingt am besten über den persönlichen Kontakt. Doch der ist aus Hygieneschutzgründen kaum möglich. Seitz versucht derzeit, über bei älteren Menschen beliebten Mitteilungsblättchen die Aufmerksamkeit für telefonische Betrügereien zu schärfen. Auch das ist nicht ganz einfach. „Ältere Menschen haben häufig kein Interesse mehr an solchen Negativthemen“, gibt Seitz zu bedenken. Etwas besser funktioniere da noch ein Newsletter, in dem ein großes Polizeiwappen für Aufmerksamkeit sorge. „Für den Newsletter gibt es viele Anfragen“, freut sich Seitz. Senioreneinrichtungen in den Stadtteilen sorgen für eine breite Streuung.

Wesentlich eindringlicher aber ist, den Seniorinnen und Senioren Telefonmitschnitte solcher Betrügereien vorzuspielen. Aus rechtlichen Gründen dürfen die Gespräche aus Telefonüberwachungen nicht veröffentlicht werden, doch auch die von Beamten nachgesprochenen Gespräche vermitteln anschaulich, wie ältere Menschen dazu gebracht werden, ihr Erspartes von der Bank abzuheben und in der Mülltonne zu verstauen.

In einem ersten Telefonat baut ein Herr „Krause“ vom Polizeipräsidium Vertrauen mit Senior „Müller“ auf. In seiner Gegend treibe sich eine Einbrecherbande rum, zwei Personen seien festgenommen worden und bei denen sei ein Zettel gefunden worden, auf dem auch der Name Müller und Details stünden. Durch gezielte Vorhalte und Nachfragen erfährt Herr Krause, dass Herr Müller alleinstehend ist, keine Wertsachen zu Hause, aber immerhin 30 000 Euro auf der Bank habe.

In einem zweiten Telefonat erfährt das potenzielle Opfer, dass die Einbrecherbande bei der Bank des Herrn Krause einen Maulwurf habe und das Geld dort nicht mehr sicher sei. Besser, er hebe es ab. Nach einigem Hin und Her hebt Herr Müller tatsächlich 25 000 Euro ab und schleppt sie nach Hause. In einem dritten Telefonat checkt der falsche Polizeibeamte zunächst ab, ob das Opfer mit irgendjemandem über den Vorgang gesprochen hat. Müller wird dann gebeten, eine Beschreibung des Mannes am Bankschalter abzugeben. Die Beschreibung passe zu dem „Maulwurf“ in der Bank, erfährt Herr Müller. Ein Spezialist müsse jetzt überprüfen, ob es sich um Falschgeld handele. Als sich Müller weigert, die 25 000 Euro zur Abholung in der Mülltonne zu deponieren, wird der bislang so fürsorgliche Herr Krause zum ersten Mal ruppig. „Sie machen sich strafbar. Sie gefährden langwierige Ermittlungen.“ Der kleinlaute Herr Müller tut schließlich, wie ihm geheißen.

Die echten Gespräche seien noch intensiver, verrät Nicole von Alkier, Leiterin des Kommissariats „Straftaten zum Nachteil älterer Menschen“. Wie da Druck aufgebaut werde und wie gebrechlich und verängstigt die Opfer reagierten – „da bekommen Sie eine Gänsehaut“.

Auch bei den nachgesprochenen Telefonaten bleibt die Wirkung nicht aus. Vor allem „Betroffenheit“ sei bei den Seniorinnen und Senioren auszumachen. „Und wer vorher sagte, das ,würde mir nie passieren‘, ist danach doch etwas verhaltener“, weiß Seitz zu berichten.

Noch deutlich schlimmer steht es aber um die Betroffenen. Seitz liegt die Opfernachsorge und Betreuung daher besonders am Herzen. Denn neben dem materiellen Schaden sind Demütigung und die Scham, Kriminellen auf den Leim gegangen zu sein, im sozialen Umfeld groß. „Für viele Opfer ist das Leben teilweise wirklich zerstört“, so Seitz. Daher werde auch der Kontakt zu Hilfsorganisationen wie dem Weißen Ring vermittelt, die unter anderem psychologischen Betreuung anbieten. Die präventiven Maßnahmen indes hielten nicht lange vor. „So etwas muss man immer wieder machen“, betont Seitz.

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