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Daniela Wölk, Medizinische Fachangestellte (MFA), spricht mit einer Patientin.

Gesundheit

Mit Telefonaten und Übungen aus der Krise

Hessische Hausarztpraxen gehen neue Wege, um Menschen mit Depressionen und Angststörungen zu helfen.

Volker M. ist ein starker Mann. Was man ihm allerdings nicht ansieht: Er leidet an Panikattacken, Angstzuständen und Depression. Vor drei Jahren, nach dem Tod seiner Eltern, "fiel ich in ein tiefes Loch", berichtet der 56-Jährige. Das Motorrad, seine große Leidenschaft "steht sich jetzt die Reifen platt". Seit dem Aufenthalt in einer Tagesklinik geht es ihm besser, aber er braucht dauerhaft Hilfe. Ein Jahr war er auf der Suche nach einer Psychotherapeutin. Jetzt hofft er, in seiner Hausarztpraxis Hilfe zu finden.

Psychotherapie beim Hausarzt? Das geht, testweise, für 2000 Patienten in Hessen. Ein Pilotprojekt dazu ist angelaufen. PREMA heißt es, das steht für "eHealth gestütztes Case-Management für psychisch Erkrankte in der hausärztlichen Primärversorgung". Der bundesweite Innovationsfonds, mit dem neue Wege im Gesundheitswesen erprobt werden können, fördert das Projekt mit knapp fünf Millionen Euro. Durchgeführt wird es ausschließlich im Bundesland Hessen.

Die Praxis von Christiane Kunz und Martina Voß in Frankfurt-Zeilsheim ist eine der ersten, die bei PREMA mitmacht. "Der Erstkontakt ist ohnehin immer bei uns", sagt Dr. Kunz. "Wir sind die, die mit den Patienten sprechen." Häufig kommen die Patienten mit körperlichen Beschwerden: Erschöpfung, Magen- oder Rückenschmerzen sind die Klassiker. Die erfahrene Ärztin, sieht oft: "Wenn das Krankheitsbild unscharf wird, steckt vielleicht etwas anderes dahinter."

Nicht immer brauchen die Patienten dann gleich eine Psychotherapie - und falls doch, müssen sie oft lange warten. In der Zwischenzeit, so die Hoffnung, kann die Hausarztpraxis die Patienten unterstützen. Das PREMA-Programm dauert ein Jahr und besteht aus drei Bausteinen: Gespräche mit dem Arzt, Telefonate und "Hausaufgaben" am Rechner.

Eine wichtige Rolle in dem Programm spielen die medizinischen Fachangestellten (MFA). Früher nannte man sie Sprechstundenhilfen - bei PREMA sind sie "Case Manager". Sie rufen die Patienten regelmäßig an und gehen mit ihnen einen Fragebogen durch. Haben Sie Schwierigkeiten durchzuschlafen? Haben Sie das Gefühl, keine Energie zu haben? Haben Sie Gedanken an den Tod?

Patienten fühlen sich gut betreut

Daniela Wölk, MFA in der Zeilsheimer Praxis, war schon bei der PREMA-Vorstudie PROMPT 2004 dabei. Ihre Erfahrung: "Die Patienten haben sich gut betreut gefühlt." Die Antworten trägt sie auf einer Skala von Null bis Drei am Rechner ein. "Aber häufig erzählen die Patienten viel - mehr als sie den Ärztinnen gesagt haben", erzählt Wölk. Eine "Ampel" zeigt an, ob es dem Patienten besser, stabil oder schlechter geht. Ist die Ampel Rot, wird der Arzt eingeschaltet.

Dritter Baustein sind Übungen für zu Hause mit Hilfe des Computers. Patienten mit Angststörungen werden etwa angeleitet, die körperlichen Reaktionen bei einer Panikattacke bewusst auszulösen. "Der Patient lernt: Ich kann das steuern und es geht wieder weg", erklärt Prof. Jochen Gensichen, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Universität München, der PREMA mitentwickelt hat. Für Depressive bietet das Programm Übungen, um den eigenen Körper besser wahrzunehmen, oder Anregungen für "Genussziele im Alltag".

Die Psychotherapeutenkammer Hessen sieht das Angebot eher kritisch. Gut findet die Kammer, dass Hausärzte mehr auf die Symptome psychischer Erkrankungen achten. Auch mit den Selbstschulungen am Rechner haben die Fachleute kein Problem. "Sehr problematisch" finden die Psychotherapeuten aber die Rolle der MFA: "Psychische Erkrankungen sind keine einfachen Befindlichkeitsstörungen, die mit freundlichen Worten behandelt werden können."

An dem Projekt beteiligt sind die Techniker Krankenkasse, die Kassenärztliche Vereinigung, der Technik-Anbieter TelePsy und mehrere Universitäten, die das Projekt wissenschaftlich begleiten. Bewertet wird, ob das Programm dem Patienten hilft, ob es für die Praxen leistbar ist und welche Kosten es verursacht.

Volker M. weiß noch nicht ganz genau, was auf ihn zukommt. Vor allem unter den Sachen, die er am Computer machen soll, kann er sich nicht viel vorstellen. "Aber ich bin für alles offen", sagt der inzwischen erwerbsunfähige Gabelstaplerfahrer. In seiner Hausarztpraxis fühlt er sich in guten Händen: "Ist alles nicht so spaßig gerade. Aber dank der Damen hier bin ich bisher ganz gut durchs Leben gekommen." (dpa)

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