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Technisches Rathaus gab Altstadt den Rest

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Von: Claudia Michels

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Der Verwaltungsbau wird abgerissen / Diskussion über die Gestaltung des Areals zwischen Braubachstraße und Dom neu entbranntErst haben die Frankfurter die Geschichte abgeräumt, heute muss man mit ihren Geschichten aufräumen. Der Boden der Altstadt war noch Jahrzehnte nach dem Krieg keineswegs nur ein brachliegendes Feld.

Erst haben die Frankfurter die Geschichte abgeräumt, heute muss man mit ihren Geschichten aufräumen. Der Boden der Altstadt war noch Jahrzehnte nach dem Krieg keineswegs nur ein brachliegendes Feld.

Die Südseite der Braubachstraße war vielmehr im Jahr 1970, als dort den Kriegszerstörungen die Zerstörung durch den so genannten Wiederaufbau folgt, wieder intakt - zwischen Zollamt und Steinernem Haus stand eine geschlossene Zeile von Gründerzeit-Mietshäusern mit reichlich Fassadenschmuck. Bevor die Bauten mit den Hausnummern 15 und 17 als erste jenem mächtigen "Verwaltungsgebäude für die technischen Ämter" weichen müssen, hat man sie gerade erst über den historischen Bögen im Stil der 50er Jahre aufgerichtet.

Auch die Adressen Braubachstraße 25, 27 und 29 machen in jenem Jahr Platz für die Verwaltung, deren Raumprogramm seit einem Wettbewerb 1963 ausgearbeitet ist. Aus dem Tordurchgang des Gebäudes Braubachstraße 27 werden vier lebensgroße allegorische Steinfiguren, zwei halb nackte Paare, von ihren geschmückten Sockeln geholt. Verunziert und von Scherben und Staubfäden eingerahmt, stehen die Schönen heute unerkannt an der langen Treppe in die Unterwelt der U-Bahn-Station Römer.

Das Relief eines mit Reben umkränzten aufrechten Winzers hält neben dem Zollamt in der Braubachstraße bis 1970 eine Vergangenheit hoch, die dort schon länger Erinnerung war. Die Figur, heute im Depot, steht für den Hof zum Rebstock, in dem Friedrich Stoltze geboren worden war. Gleich daneben findet sich der rauschebärtige Dichter auf einem schlichten Sockel, etwas zurück gesetzt. Man hatte seine Büste beim Aufräumen der Trümmer nach Norden verrückt, denn Stoltzes angestammtes Plätzchen unter dem Dom, der Hühnermarkt, hatte im Kriegsfeuer die bauliche Fassung verloren. Heute steht er hinter der Katharinenkirche.

Was einmal der Hühnermarkt gewesen war - oder der "Markt" oder die Gasse "Hinter den Lämmchen"-, war ab 1950 über den Kriegswunden zu Trampelpfaden neben allmählich zuwuchernden Hügelchen geworden. 1966 dann, so kann man es im Foto-Archiv des Instituts für Stadtgeschichte rekonstruieren, parken Autos in Reih und Glied zwischen Braubachstraße und Main. Neben der Nikolaikirche mickert 25 Jahre lang wie ein hohler, aufgebohrter Zahn das reich geschmückte Erdgeschoss des Fachwerkbaus "Schwarzer Stern" vor sich hin; die Bögen im Sockel sind zugemauert. 1970 kommen die Teile an den Haken, weil der Römerberg zum Loch wird, um die U-Bahn-Station zu bauen. Da ist der Stein, schreibt der Kunsthistoriker Dieter Bartetzko, "verrottet - ungeeignet für weitere Verwendung".

"Goldene Waage" nur noch Brocken

Anders, aber nicht besser erging es der Ruine des über 300 Jahre alten Renommiergebäudes "Goldene Waage". Auch dieses reiche Fachwerkhaus direkt am Dom hatte man 1945 mit einem Zettelchen "nicht einreißen" geschützt.

Stadthistoriker Björn Wissenbach behauptet, derlei Werte seien später in den Fünfzigern "verscherbelt worden; für wenig Geld konnte man das kriegen".

Jedenfalls wandern die verbliebenen Brocken der "Goldenen Waage" 1956 nach Götzenhain in die Albert-Schweitzer-Straße 24, wo sie, durch Glasbausteine ergänzt, den Fachwerk-Anbau eines Einfamilienhauses zieren. Das Hauszeichen, ein kupferner Arm, der eine Waage hält, wird im Depot des Historischen Museums aufgehoben. Nach Auskunft des Experten Wissenbach liegen da an der Borsigallee aus der Altstadt "jede Menge Fassadenteile aus Muschelkalk im Keller".

Ballons markieren die Baumasse

1970, als mit dem Bau von U-Bahn und Römer-Tiefgarage auch der Wunsch beflügelt wird, die Rathaus-Erweiterung an der Braubachstraße endlich umzusetzen, räumen Bauarbeiter im Schatten des Doms nach der ersten gewaltigen Schuttverwertung ein weiteres Mal richtig ab. Der Pensionär Ludwig Baron Döry, damals im Historischen Museum zuständig für die Steinplastik, erinnert sich noch heute in seiner bayerischen Heimat, "dass man Ballons aufsteigen ließ, um zu zeigen, wie groß das Haus wird".

Stadtplaner und Stadtrat halten aber die Masse des geplanten Drei-Türme-Baus "für einigermaßen erträglich", wie der damalige Planungsamtsleiter Hans- Reiner Müller-Raemisch zurückblickt. Man ist nicht auf "Puppenstuben- Intimität" aus, wie die FAZ anmerkt. Proteste der "Freunde Frankfurts" gegen den Neubau der Architekten Bartsch-Thürwächter-Weber, dessen Raumprogramm ständig gewachsen ist, richten nichts aus - nur eins: "Das Vertrauen in die Bauverwaltung war erschüttert" (Müller-Raemisch).

Ein Zettel für jeden Stein

Experte Baron Döry vom Historischen Museum versucht die letzten Reste der Altstadt durch "Auflistungen, Nummerierungen, Zeugnisse" für die Nachwelt zu sichern: "Ich habe auf jeden Stein einen Zettel gelegt." Eine geordnete Überlieferung kommt so nicht zustande: "Die Steine" erkennt er später, "lagen im Depot lieblos rum". Björn Wissenbach jedenfalls kann die Teile heute "nur aus der Optik zuordnen".

Und nun wird sich unter dem Kaiserdom wieder ein Loch auftun. Bis Freitag kommender Woche soll die Entscheidung im Preisgericht "Ideenwettbewerb Technisches Rathaus" gefallen sein. Unter dem Titel "Bauen für Frankfurts Seele" haben die "Freien Wähler BFF" vorab den Antrag gestellt, künftig "diesen zerbombten Bereich der mittelalterlichen Altstadt am Erscheinungsbild vor der Zerstörung zu orientieren". Plötzlich gehen heutige Frankfurter wieder mit vergessenen Namen wie Hühnermarkt oder Goldene Waage um, die BFF-Mann Wolfgang Hübner als "besondere Attraktionen" zur Rekonstruktion empfiehlt. Die Diskussion steht damit da, wo sie vor dem Bau des Technischen Rathauses war.

"Es hätte sich gewiß ein Kompromiß finden lassen", hatte die Frankfurterin Christa Drude im April 1970 , als "die Würfel für die drei Riesenklötzer gefallen" waren, an die FR geschrieben - "den letzten der schönsten Frankfurter Plätze wenigstens mit den einmaligen Kostbarkeiten wie , Goldene Waage‘ oder ,Schwarzer Stern‘, mit Höfen, Brunnen und Grünanlagen zu bebauen.

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