Die Kasselerin Beate Rößler wurde 2012 Opfer eines Raubüberfalls. Inzwischen hat sie das Geschehen verarbeitet. Foto: Uwe Zucchi/dpa
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Die Kasselerin Beate Rößler wurde 2012 Opfer eines Raubüberfalls. Inzwischen hat sie das Geschehen verarbeitet.

Kriminalität

Taxifahrer als Zielscheibe

Messer, Prügel, Reizgas: Die zunehmende alltägliche Gewalt macht dem Berufsverband der Taxifahrer Sorgen.

Mit Fremden nachts im Auto unterwegs sein – für Taxifahrer ist das Berufsalltag. Doch für Beate Rößler wurde diese Situation zum Alptraum. Im Januar 2012 wurde die Kasseler Taxifahrerin überfallen und angegriffen. Die Attacke setzte der fröhlichen Frau stark zu, sie machte eine Therapie. Heute spricht die 49-Jährige offen über den Überfall: „Wenn es passiert, muss man lernen, damit zu leben.“

Immer wieder werden Taxifahrer zur Zielscheibe. Mal sind es gewalttätige Besoffene, mal Kriminelle, die den Fahrpreis prellen oder Geld haben wollen. In Hessen gab es seit Dezember mehrere Fälle: In Bischofsheim (Groß-Gerau) bedrohte ein Fahrgast einen Taxifahrer mit einer Pistole, in Hanau fügten zwei Männer mit einer Softair-Waffe einem Taxifahrer Platzwunden am Kopf zu. In Rüsselsheim stachen zwei Unbekannte auf einen Fahrer ein. Anfang Januar wurde ein 71-Jähriger in Hanau in seinem Taxi von zwei Männer überfallen und schwer verletzt.

Geblieben ist die Gewalt gegen Taxifahrer

Auch bei Beate Rößler waren die Täter auf Geld aus. Drei Männer stiegen damals in ihr Taxi – einer vorn, zwei hinten. Dann spürte sie plötzlich etwas Metallisches am Kopf und hörte: „Geld her.“ Doch sie hatte nur geringe Einnahmen dabei. „Ihr habt euch den falschen Tag ausgesucht“, sagte Rößler und hörte ein Klicken – Pfefferspray. Intuitiv habe sie den Kopf weggedreht und sei so dem Reizgas nicht voll ausgesetzt gewesen, erinnert sie sich. Die Täter flüchteten mit ihrem Handy.

„Danach war ich einfach nur fertig“, sagt sie. Doch in derselben Nacht arbeitete sie wieder. „Vom Pferd gefallen, draufsetzen, weiterreiten“ – das habe geholfen. Ein Jahr später begab sie sich dennoch in Therapie. Nicht jeder, der Gewalt erfahren hat, will darüber sprechen. Das habe etwas mit Scham zu tun, sagt die 49-Jährige. Sie ärgert sich, dass sie damals Warnsignale nicht erkannt habe: Die Männer seien schnell eingestiegen. Die beiden auf der Rückbank wichen ihrem Sichtfeld im Spiegel aus.

Alarm

Die „Verordnungüber den Betrieb von Kraftfahrunternehmen im Personenverkehr“ schreibt eine Alarmanlage für Taxis vor, die vom Sitz des Fahrers aus bedient werden kann. Die Alarmanlage muss die Hupe und die Scheinwerfer sowie die hinteren Blinker in Gang
setzen.

Mittels eingebauterroter Leuchtdioden gibt es außerdem einen stillen Alarm. Damit kann das Taxenschild zum Blinken gebracht werden. Auch das Schild selbst kann
blinken.

Augenzeugensollten sich dann das Kennzeichen merken und die Taxizentrale oder Polizei informieren.

Laut dem Landeskriminalamt Hessen ist die Zahl der erfassten Straftaten gegen Taxifahrer eigentlich zurückgegangen – von 235 im Jahr 2014 auf 166 in 2018. Geblieben ist die Gewalt: Der Großteil der Taten sind Körperverletzungen. 130 waren es zuletzt, davon galten 31 als gefährlich. Raub spielt zahlenmäßig eine untergeordnete Rolle.

Dass Taxifahrer schwer verletzt werden oder sterben, ist eine Ausnahme: „Die Zahl dieser Fälle, die sehr tragisch sind, bewegt sich auf niedrigem Niveau“, sagt Herwig Kollar, Vizepräsident des Bundesverbands Taxi und Mietwagen in Frankfurt. Es sei mehr die alltägliche Gewalt, die Kopfzerbrechen bereite. „Das hat viel mit der Situation zu tun, dass Fahrgäste häufig angetrunken sind während der Nachtschichten.“ Ärger über den Fahrpreis könne zu Streit und Körperverletzungen führen. „Die Gesellschaft hat sich verändert, die Stimmung ist aggressiver geworden“, sagt Taxifahrerin Rößler.

Die Möglichkeiten der Fahrer, sich zu schützen, sind begrenzt. „Natürlich gibt es eine Alarmanlage, mit der ein Taxi ausgerüstet sein muss“, erläutert Kollar. Doch der laute Alarm mit Hupe und Licht könne eine gefährliche Situation eskalieren lassen. Der stille Alarm wiederum mit Lichtzeichen außen am Auto sei zu unbekannt. „Der normale Bürger auf der Straße kennt dieses Signal nicht.“ Sinnvoller seien Vorkehrungen, die Taxizentralen alarmierten. Diese können die Position des Fahrzeugs per GPS-Sender ermitteln und an die Polizei weitergeben.

Einige Taxiverbände bieten laut Kollar Training für das Verhalten in Notsituationen an. „Das geht von Deeskalationsstrategien bis zur Einweisungen in Selbstverteidigungstechniken.“

Beate Rößler hat die Attacke nach eigenen Aussagen verarbeitet. Sie fährt auch heute noch Nachtschichten – aber immer bereit, sich zu wehren. „Auch ein Auto kann man als Waffe benutzen“, sagt sie. In Gefahr ist die 49-Jährige nicht mehr geraten. Selbst „Läufer“ - Fahrpreispreller, die wegrennen – habe sie selten. „Vielleicht ist meine Ausstrahlung so stark, dass sich keiner mehr traut“, sagt Rößler und lacht. (dpa)

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