Alexandra Weyrather.

Interview

Taubenbeuftrage der Stadt Wiesbaden im Interview: „Keine Fütterung außerhalb der Schläge“

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Die Taubenbeauftragte der Stadt Wiesbaden, Alexandra Weyrather, rät von weiteren neuen Futterstellen ab.

Die menschenleeren Innenstädte sind nicht nur schlecht für die Geschäfte. Tierschützer wie Peta behaupten, Stadttauben müssten jetzt gefüttert werden, damit sie nicht verhungerten. Sie fordern die Aufhebung des Fütterungsverbots.

Frau Weyrather, was halten Sie davon, jetzt das Fütterungsverbot aufzuheben?

Das würde uns in Wiesbaden nur Probleme machen. Wenn eine neue Futterstelle entstehen würde, würden sich große Schwärme von Stadttauben dort konzentrieren und sich daran gewöhnen. Und wenn die Corona-Krise rum ist, sitzen dort Hunderte Tauben und warten vergeblich auf ihr Futter.

Sie möchten in Wiesbaden ein flächendeckendes Stadttaubenmanagement einführen, um die Population einzudämmen. Das sieht dann auch die Fütterung vor.

Das Gesamtkonzept sieht unter anderem die flächendeckende Geburtenkontrolle in Schlägen und wilden Brutplätzen vor. Die wilden Brutplätze sollten, wenn sie nicht betreut werden können, am besten geschlossen werden, wenn das möglich ist, etwa in leerstehenden Häusern oder auf Dachböden. Wir sind gerade dabei, die Zahl der Taubenschläge, wo die Tiere gefüttert und ihre Eier durch Gipseier ausgetauscht werden, zu erhöhen und suchen weitere Standorte. Einige Schläge sind nicht voll besetzt. Wir versuchen daher die Fütterung außerhalb der Schläge zu vermeiden, um deren Akzeptanz zu erhöhen.

Außerdem könnten die Leute ungesunde Sachen füttern …

Ja, in Mainz haben Leute schon Kuchen und Haferflocken gefüttert, das ist schädlich, sie verkleben den Kropf. Tauben sind Hartkörnerfresser.

Es soll also keine neuen Futterstellen geben?

Es ist ein neuer Taubenschlag auf dem Dach des Parkhauses des Einkaufscenters Lili am Hauptbahnhof geplant. Dort wird auch täglich gefüttert, um die Tiere an den Platz zu gewöhnen. Auch de Futtermengen in den Schlägen haben wir der aktuellen Situation angepasst. Die Wiesbadener Tauben sind vergleichsweise gut versorgt. Ansonsten würden wir nur neue wilde Brutstellen schaffen. Das wollen wir ja gerade nicht.

Wozu braucht eine Stadt eigentlich eine Taubenbeauftragte?

Zur Person

Alexandra Weyrather, 32, ist Taubenbeauftragte in Wiesbaden. 

Die Biologin ist Autorin des Buches „Grundlagen für ein effizientes tierschutzgerechtes Stadttaubenmanagement deutscher Großstädte. Eine Handreichung für die Praxis.“ 

Wachsende Stadttaubenpopulationen führen zu verschiedenen Problemen. Da braucht es ein gutes geplantes Taubenmanagement und eine Person für die Koordination, Planung und Vermittlung zwischen den Interessengruppen und Akteuren sowie regelmäßige Erfolgskontrollen und Zählungen, um Maßnahmen anzupassen.

Von welchen Problemen sprechen Sie?

Verschmutzung öffentlicher Anlagen und Gebäude, Menschen fühlen sich durch große Schwärme belästigt. Wir kriegen häufig Beschwerden von Leuten, die ihre Balkone oder Hinterhöfe nicht mehr nutzen können. Taubenkot ist das größte Problem.

Welche Vorteile hat so ein Schlag?

Die Tauben halten sich dort auf, kriegen Futter und Wasser, setzen den Kot dort ab. Das hält sie gesünder und vermindert die Belästigung. Der Austausch von Eiern dämmt die Vermehrung ein. Stadttauben können vier bis sechsmal im Jahr mit jeweils zwei Küken brüten.

In Coronazeiten rückt Hygiene in den Fokus. Übertragen Tauben Krankheiten?

Die Gesundheitsgefahr durch Tauben ist nicht höher als die durch andere Wildvögel oder Haustiere. Bei der Reinigung eines Schlags sollte man aber Atemmasken tragen. Auf der Straße ist eine normale Begegnung unproblematisch. Tauben können natürlich Krankheiten haben, diese sind in der Regel vogelspezifisch und nicht auf den Menschen übertragbar.

Wieso wurden Tauben eigentlich zum Problem?

Wenn man von einem Problem mit Stadttauben spricht, muss man sehen, dass auch die Tauben ein Problem haben. Sie leiden unter Krankheiten und Parasiten, an Durchfall durch falsches Futter, werden Opfer von Vergrämung. Stadttauben sind ursprünglich Felsenbrüter, domestizierte Tauben. Sie nutzen die urbane Struktur. Ihnen wurden bestimmte genetische Eigenschaften angezüchtet, so dass sie ohne menschliche Betreuung keine guten Lebensbedingungen haben. Sie haben ein vermindertes Aggressions- und Territorialverhalten, was zu Brutplätzen auf engem Raum führt, eine erhöhte Brutaktivität unabhängig von der Jahreszeit und ursprüngliche Verhaltensweisen wie Nesthygiene sind vermindert.

Es wäre doch schade, wenn alle Stadttauben verschwinden.

Ja, das wäre schade, es sind nette, zutrauliche Tiere, aber wir versuchen, die Schwärme klein und gesund zu halten.

Interview: Madeleine Reckmann

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