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Gegenüber der Firmenzentrale steht eine riesige Damenhandtasche als Skulptur. 

Obertshausen

Taschenhersteller Picard steht in Obertshausen vor der Insolvenz

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Infolge der Corona-Krise hat Picard Lederwaren zu wenig Umsätze und hat beim Amtsgericht ein vorläufiges Schutzschirmverfahren angemeldet. So soll die Firma weiterleben können.

Die Corona-Krise hat ein Traditionsunternehmen im Kreis Offenbach in die Bredouille gebracht: Picard-Lederwaren steht vor der Insolvenz. Der Taschenhersteller mit Sitz in Obertshausen hat am 11. Mai beim Amtsgericht Offenbach ein vorläufiges Schutzschirmverfahren angemeldet. Unter dem Schutzschirm soll ein Sanierungskonzept erarbeitet werden, das die Zukunft des Unternehmens sichert.

Der Taschenspezialist geriet nach eigener Aussage wegen hoher Umsatz- und Zahlungsverluste aus dem Einzelhandel in Schieflage. Galeria Karstadt/Kaufhof als Schlüsselkunde generierte keine Umsätze, weil er in der Corona-Krise wochenlang komplett schließen musste. Außerdem könnten derzeit auch ausländische Einzelhändler ihre Rechnungen nicht zahlen, hieß es von Unternehmensseite. Picard erzielt ein Viertel seiner Verkäufe im Ausland – größtenteils in Europa, aber auch in Indonesien, China, Singapur und Russland.

Das Unternehmen betreibt auch zwölf eigene Shops, hauptsächlich an deutschen Flughäfen. Da aktuell nur wenige Flugzeuge abheben, haben die Läden kaum Kundschaft. Nur der Onlinehandel funktioniere noch gut, die Endverbraucher suchten sich ihre Taschen weiterhin gerne auf der Firmenwebsite aus. Dieser Umsatz reiche allerdings nicht aus, um die drohende Insolvenz abzuwenden. Der Lederwarenhersteller generierte im vergangenen Geschäftsjahr nach eigenem Bekunden einen Umsatz von 27 Millionen Euro.

Rund 200 Mitarbeiter in Produktion, Lager und Verwaltung sind am Firmensitz in Obertshausen beschäftigt. Weltweit zählt Picard mehr als 2000 Arbeitnehmer; neben dem Hauptsitz in Obertshausen gibt es Standorte in Tunesien, Bangladesch und in der Ukraine.

Vor einigen Wochen meldete Picard Kurzarbeit an, im April wurden die Näherinnen und Feintäschner jedoch aus der Kurzarbeit zurückgeholt, um Schutzmasken anstatt Lederwaren herzustellen. Sie produzierten davon wöchentlich 10 000 Stück. Aktuell ist die Firma noch in Kurzarbeit, der Betrieb steht nicht still.

Das Familienunternehmen wurde vor 92 Jahren gegründet. Georg Picard führt es in vierter Generation. Er übernahm es von seinem Onkel Thomas Picard.

Schutzschirmverfahren

Ein Schutzschirmverfahren ist ein vorläufiges Insolvenzverfahren, das die Rettung einer Firma zum Ziel hat. 

Das Unternehmen steht dabei unter der Aufsicht des Insolvenzgerichts und eines frei wählbaren Sachwalters, der die wirtschaftliche Lage prüft. 

Die Insolvenzmasse kann das Unternehmen unter den Augen des Sachwalters bis zur Eröffnung des Insolvenzverfahrens selbst verwalten. Die Geschäftsführung verliert also nicht die Kontrolle über die Firma. 

Innerhalb von maximal drei Monaten muss das Unternehmen einen Insolvenzplan vorlegen, der die Entschuldung aufzeigt. So lange bleibt auch Zeit für Einigungsversuche mit den Gläubigern.

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