Riccardo M. Sahiti weckt die Musik seines Volkes zu neuem Leben.
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Riccardo M. Sahiti weckt die Musik seines Volkes zu neuem Leben.

Im Porträt

Mit dem Taktstab zu seinen Wurzeln

Der Frankfurter und gebürtige Kosovo-Serbe ist Leiter der "Roma und Sinti Kammerphilharmoniker". 55 Musiker aus ganz Europa finden sich dort für Konzerte zusammen. Von Astrid Ludwig

Von Astrid Ludwig

Es war dieser Tag in Pristina, der sein weiteres Leben bestimmt hat. Mit 17 Jahren sah er dort einen Dirigenten und sein Orchester bei einem Konzert. Der schwarze Frack und dieser kleine weiße Taktstab, der mal sanft, mal zackig die Luft durchschnitt, das beeindruckte ihn sehr. Seit diesem Tag stand für den Jungen fest: Er würde auch mal Dirigent werden. Riccardo M. Sahiti verfügt über die seltene Gabe des fotografischen Gedächtnisses. Jede Bewegung speicherte er ab und daheim wiederholte er alles, was er gesehen hatte.

Das war vor 30 Jahren. Heute hat sich Sahitis Traum zumindest zu großen Teilen erfüllt: Er ist Dirigent und er gibt den Takt für ein Musiker-Ensemble vor. Ein ganz besonderes Orchester. Der Frankfurter und gebürtige Kosovo-Serbe ist Leiter der "Roma und Sinti Kammerphilharmoniker". 55 Musiker aus ganz Europa finden sich dort für Konzerte zusammen. Sie spielen Beethoven, Bruch oder Schumann, traditionelle Roma-Musik, aber auch "Schindlers Liste" von John Williams. Alles, was mit der Kultur und Musik der Sinti und Roma verwoben ist.

Sahiti ist selbst Roma. 2002 gündete er das Ensemble, das deutschland- und europaweit auftritt. Rund 20 Konzerte waren es seither - im Bockenheimer Depot Frankfurt, in der Darmstädter Orangerie, im Palais Prinz Carl in Heidelberg oder auch zur Eröffnung des Kultursommers Mittelhessen im Kloster Engelthal. Als nächster Termin steht Mitte September das Kurhaus in Wiesbaden auf dem Spielplan.

In seiner Wohnung in Frankfurt hängen Ankündigungsplakate der vergangenen Konzerte. Die Regale biegen sich unter dem Gewicht einer klassischen Plattensammlung. Don Giovanni, Figaros Hochzeit stehen neben Notenblättern und Fotoaufnahmen von Herbert von Karajan, seinem großen Vorbild. "Beethoven, Haydn, Bizet oder Pablo de Sarasate - viele Komponisten haben sich mit der Musik der Sinti und Roma befasst", erzählt der 47-Jährige. "Carmen" von Bizet etwa handelt über das Leben der Roma. Auch jüdische Kleszmerkompostionen, sagt er, haben Wurzeln in der Musik seines Volkes.

Sahiti will mit seinem Orchester die alten Traditionen bewahren und gleichzeitig junge Sinti und Roma zu neuen Werken animieren. "Die Menschen sollen unsere Musik live erleben". Ein "Zigeuner-Musiker", betont er, ist er nicht. "Ich bin ein Musiker, der die Klassik liebt."

Die Idee für das Orchester kam ihm in den 90er Jahren. Bei Konzerten in Europa traf er immer wieder auch Musiker aus seinem Kulturkreis. Den Ausschlag gab ein Konzert im KZ Ausschwitz, wo er einen polnischen Komponisten traf, der Lieder in der Romasprache geschrieben hatte. Sahiti nahm Kontakt auf zu Romani Rose vom deutschen Zentralrat der Sinti und Roma, fand Unterstützung bei Micha Brumlik, Ex-Direktor des Fritz-Bauer-Institutes in Frankfurt. Gemeinsam gründet sie einen Förderverein als Grundlage für das Orchester. "Das erste Konzert", erinnert sich Sahiti, "war am 3. November 2002 in Dr. Hoch´s Konservatorium". Ein ausverkauftes Konzert, strahlt er. Mit 20 Streichern begann das Orchester. Heute hat es fast dreimal so viele Mitglieder, darunter auch Holz- und Blechbläser.

Riccardo M Sahiti hat seinen Traum vom Dirigenten verwirklicht, aber ein wenig schwingt auch Enttäuschung mit, wenn er von seiner Laufbahn als Musiker erzählt. Mit der Familie musste er als Serbe aus dem Kosovo fliehen. Alles haben sie verloren, Haus und Hof. In Belgrad schloss er dann sein Dirigentenstudium ab, eine Anstellung fand er aber nicht - weil er Roma war, vermutet er. In Moskau, am Tschaikowsky-Konservatorium, bekam er ein Stipendium. Vier Jahre blieb er dort. 1992 folgte er seiner Zwillingsschwester nach Frankfurt und vertiefte sein Studium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Wieder schrieb er anschließend vergeblich Bewerbungen. "Ich habe immer geglaubt, Kunst und Begabung zählen und dann erst die Nationalität", sagt er.

Seine Energie gilt heute seinen Kammerphilharmonikern. Und einem neuen Ziel: Sahiti würde gerne eine Sinti- und Roma Philharmonie, ein ganz großes Ensemble, daraus machen - "mit eigenem Haus und eigenen Tourneen".

Konzert im Kurhaus Wiesbaden, 12. September, 20 Uhr. www.foerdervereinroma.de, Tel: 069/281556

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