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Der Deponiepark Flörsheim-Wicker kann auch besucht werden.

Tage der Industriekultur

Von der Fabrik zur Kita

  • Meike Kolodziejczyk
    vonMeike Kolodziejczyk
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Manches ist anders an der Veranstaltungsreihe im Jahr 2020. Etwa der Zeitpunkt oder die digitale Aufbereitung. Thema ist der Einfluss des Menschen auf seine Umwelt seit der Industrialisierung.

Manche Gebäude könnten kuriose Geschichten erzählen. Die ehemalige Wurstfabrik Luft in Neu-Isenburg zum Beispiel. Nicht nur dass dort, ausgerechnet im heutigen Kreis Offenbach, bis vor hundert Jahren Frankfurter Würstchen produziert wurden: Ab 1922 gehörte das Gelände der Reichs- und späteren Bundesmonopolverwaltung für Branntwein. Als die Behörde 2018 aufgelöst wurde, beschloss die Stadt Neu-Isenburg, ein neues Quartier auf dem Areal zu errichten. Nach Würstchen und Branntwein werden bald Kinder die Hauptrolle spielen in dem Klinkerbau, der restauriert und in eine Kita umfunktioniert werden soll.

Die Umnutzung von Industrie- und Fabrikanlagen ist ein Schwerpunkt der diesjährigen „Tage der Industriekultur“ vom 9. bis 13. September. Im Fokus steht das Thema „Umwelt gestalten“. Es gehe um den Einfluss des Menschen auf seine Umwelt seit der Industrialisierung, „also in der Vergangenheit und Gegenwart sowie mit Blick auf zukünftige Entwicklungen“, erläutert Julia Wittwer, Sprecherin der Kulturregion Frankfurt-Rhein-Main, die die Veranstaltungsreihe zum 18.-mal organisiert. „Und darauf sind wir schon ein bisschen stolz“, sagt Geschäftsführerin Sabine von Bebenburg. Schließlich sei 2020 alles ziemlich „unrund“ gelaufen. „In diesem Jahr ist alles anders.“

Anders ist etwa der Termin: In den vergangenen Jahren lagen die „Tage der Industriekultur“ immer am Ende der Sommerferien und dauerten neun Tage. 2020 beginnen sie drei Wochen nach den Ferien und enden ohne die obligatorische Abschlussfeier nach bereits fünf Tagen am „Tag des offenen Denkmals“, der heuer digital ausgerichtet wird. Digital sind auch viele Angebote der Tage der Industriekultur, ein weiterer Punkt, der anders ist im Corona-Sommer. Das habe durchaus „charmante Nebeneffekte“, sagt Projektleiter Salvatore Granatella. Eine erhöhte Barrierefreiheit etwa, die es auch Menschen, die nicht vor Ort dabei sein können, ermöglicht, die Angebote wahrzunehmen. Anders aber ist vor allem der Umfang: Umfasste das Programm 2019 mehr als 400 Veranstaltungen, sind es in diesem Jahr 140, davon 90 vor Ort und 50 digital. Und auch die Teilnehmerzahl bei den analogen Angeboten ist beschränkt. Je nach Ort und Art der Veranstaltungen liegt sie zwischen fünf und maximal 50. Die meisten Angebote sind kostenfrei, wer teilnehmen will, sollte sich frühzeitig anmelden.

Überhaupt lohnt sich für die Planung ein Blick auf die Website der Kulturregion Frankfurt-Rhein-Main. Die 90-seitige Broschüre zu den „Tagen der Industriekultur“ sei nach pandemiebedingten Turbulenzen im Juli gedruckt worden, sagt Granatella. Doch in der Zwischenzeit sei einiges an Programmpunkten und weiteren Details dazugekommen. Außerdem müsse man die Entwicklungen in Sachen Corona im Auge behalten, da könne sich schließlich noch viel ändern. „Über unsere Website bekommt man die aktuellsten Informationen zum Programm.“

Selbiges ermöglicht auch 2020 Einblicke in sonst verschlossene Produktionsanlagen, Technologieparks und stillgelegte sowie noch laufende Fabriken von Bingen bis Aschaffenburg, von Bad Nauheim bis Gernsheim. Besucht werden können in diesem Jahr etwa die Samson AG in Frankfurt, Merck in Darmstadt, das Brauhaus Faust in Miltenberg, das Kaiserliche Offizierserholungsheim in Königstein, der „Monte Scherbelino“ im Frankfurter Stadtwald oder der Deponiepark in Flörsheim-Wicker. Oder die älteste mechanische Kläranlage auf dem europäischen Festland: Ein Teil der unter Denkmalschutz stehenden Anlage in Frankfurt-Niederrad besteht noch.

Mehr als 1000 Orte von lokaler und überregionaler Bedeutung bilden die Route der Industriekultur, etwa 650 davon hat der Regionalverband Kulturregion Frankfurt-Rhein-Main aufbereitet. Neben Führungen werden zahlreiche Radtouren angeboten, knapp 20 verschiedene lokale und thematische Routenführer dazu gibt es als Flyer sowie online auf der Website. Das Interesse an der Kulturregion nehme stetig zu. „In diesem Jahr erleben wir diesen Regionalisierungsschub ganz extrem“, sagt Geschäftsführerin Sabine von Bebenburg.

Der Fokus „Umwelt gestalten“ nimmt Bezug auf Themen wie Energie, Mobilität, Ressourcen, Urbanisierung, Gesundheit, Ernährung, Produktion und Konsum. Für Kinder und Jugendliche gibt es ein spezielles Programm: „Route der Industriekultur junior“. „Es ist wichtig, dass man die Menschen möglichst früh heranführt an solche Themen, damit sie ein Bewusstsein dafür entwickeln.“ Schließlich könne jeder und jede Einzelne einen Beitrag leisten, die Dinge zu verbessern.

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