+
Mit vereinten Kräften wurden die vier Meter langen metallenen Wellenbrecher abtransportiert.

Darmstadt 98

Souvenir vom Böllenfalltor

  • schließen

Fans und Fanabteilung bauen die Gegengerade des Darmstädter Fußballstadions ab. Am heutigen Montag beginnt der Abbruch der Tribüne.

Die Funken fliegen, als Steffen Pons die Flexsäge an den metallenen Bügel hält. „Wellenbrecher“ werden die rund vier Meter langen Metallteile genannt, 100 von ihnen stehen auf der Gegengeraden des Stadions am Böllenfalltor in Darmstadt. Oder besser: standen. Denn bevor am heutigen Montag der Abbruch der Gegengeraden beginnt, hatten am Sonntag die Fans die Möglichkeit, die Gegengerade abzubauen und Metallteile und Steine zu Souvenirs zu verarbeiten.

Der Anblick am Sonntag hatte etwas von einem Schlachtfeld: Auf dem Boden liegen blaue und weiße Planen, Überreste der Fanchoreografie vom letzten Spiel tags zuvor, dazu schier unzählige Plastikbecher. Freiwillige vom Technischen Hilfswerk (THW) schrauben und sägen an den Gitterabsperrungen, andere montieren die riesigen Tafeln der Bandenwerbung ab. Meist in Vierergruppen werden die abgesägten Wellenbrecher von der Tribüne getragen und vor einem Lkw gelagert. „Rund 100 Kilo wiegt so ein Wellenbrecher“, sagt Markus Sotirianos, Leiter der Fan- und Förderabteilung des SV Darmstadt 98.

„Als es hieß, dass die Gegengerade abgerissen wird, haben wir von der Fanabteilung überlegt, wie wir uns einbringen“, sagt er. Schon 2013, als die gegenüberliegende Tribüne überholt wurde, hatte die Fanabteilung eine ähnliche Aktion gestartet. „Damals wurden Bretter der Holzverstrebung zu Gartenbänken umgebaut, und die Leute konnten Rasenstücke kaufen“, sagt Sotirianos.

198 Euro kostet ein kompletter Wellenbrecher, 30 Fans haben sich je einen gesichert. „Der kommt bei mir in den Garten“, sagt einer der Fans, der das Metallteil mit Helfern abtransportiert. „Dass die im Garten aufgestellt werden, hören wir häufig“, sagt Sotirianos, „andere sollen zu Fahrradständern umgebaut werden.“

20 Wellenbrecher lässt die Fanabteilung zusätzlich abbauen und in kleine Stücke zersägen. „Die werden dann von den Nieder-Ramstädter Werkstätten aufgearbeitet, etwa als Briefbeschwerer, oder werden auf kleine Tafeln mit Lilien-Logo montiert“, sagt Sotirianos. Für 49,98 Euro können die Fans auch eine der knapp 300 Kilo schweren Betonstufen erwerben. Der Erlös soll die Arbeit der Fanabteilung unterstützen, etwa für das geplante Fanmuseum.

Für die Fans ist der Abbau der Gegengeraden eher mit Trauer verbunden. „Ich habe hier seit 1978 bei jedem Spiel gestanden“, sagt Babette Merkel, „der Abbau ist eine Art des Abschieds für mich.“ Die neue Tribüne, so fügt sie hinzu, brauche sie nicht. „Ich hätte lieber die alte behalten.“

Ähnlich sieht es Fan „Flo“: „Klar schien einem die Sonne auf den Kopf, und man wurde nass bei Regen – aber wir sind ja nicht aus Zucker. Wenn ich Bedienung, Überdachung und Luxus will, kann ich auch in Frankfurt in die Arena gehen.“

Das Stadion sei veraltet, das sehe er ein, sagt Fan „Tom“. „Aber wenn ich allein an die Kosten für den Umbau denke, muss ich sagen, dass wir so schlecht bisher nicht gefahren sind“, sagt er. „Es ist ein Stück Heimat“, pflichtet ihm eine Helferin bei.

Mit der Gegengeraden verschwindet die größte unüberdachte Tribüne in der Bundesliga. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) fordert schon seit Jahren eine Modernisierung des in die Jahre gekommenen Stadions. Momentan steht bereits das Beton-skelett für ein neues Funktionsgebäude. Bis zur Saison 2020 / 21 soll der Stadionumbau erfolgen.

Einige Fans machen noch Fotos von ihrem Stammplatz auf der Tribüne, andere halten beim Abbau kurz inne. „Wahnsinn, dass es bald diesen Blick nicht mehr geben soll“, sagt einer, der auf der obersten Stufe steht und seinen Blick über Spielfeld und Tribünen wandern lässt.

Metallteile der Wellenbrecher oder Steine von der Gegengeraden werden voraussichtlich ab Januar käuflich zu erwerben sein. Weitere Informationen gibt es unter www.fufa-sv98.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare