Dicht gedrängte Strandkörbe auf Borkum: Für die einen die perfekte Familienidylle, für andere die Urlaubshölle.
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Dicht gedrängte Strandkörbe auf Borkum: Für die einen die perfekte Familienidylle, für andere die Urlaubshölle.

Sommerferien

Die schlimmste Zeit des Jahres

Urlaub ist toll. Erholung pur. Stimmt aber leider nicht immer. Vier FR-Redakteure berichten von Sommerferienwochen, die sie am liebsten nie erlebt hätten.

Von Anne Lemhöfer, Thomas Stillbauer , Miriam Keilbach, Judith von Sternburg

Urlaub ist toll. Erholung pur. Stimmt aber leider nicht immer. Vier FR-Redakteure berichten von Sommerferienwochen, die sie am liebsten nie erlebt hätten.

Der Vampir von Plön

Die meisten Kinder lieben Tiere. Ich war nicht so ein Kind. Wir machten Gott sei Dank immer in dänischen Ferienhaussiedlungen Urlaub, in denen außer Menschen und Eichhörnchen keinerlei Lebewesen herumliefen. Im Ostseewasser schwammen nur Quallen, die sich aber nicht selbsttätig bewegten und daher unter die Rubrik „Gegenstände“ fielen. Für mich Frankfurter Tierphobikerin der Traumurlaub schlechthin.

Nur in dem Sommer, in dem ich neun geworden war, landeten wir – warum auch immer – am Plöner See. Eine tierreiche Umgebung. Was sie dort Strand nannten, war eine Wiese voller festgetretener Eisstiele und Regenwürmer. Und ich konnte nicht baden, weil bereits im knietiefen Wasser unfassbar riesige Forellenschwärme meine Schienbeine umkreisten.

Das Schlimmste aber waren die Nächte. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit ertönten vom Bauernhof neben unserer Ferienwohnung schreckliche Schreie. Schrill, ausdauernd. Wie von Zombies oder Vampiren, die gerade die ganze Bauersfamilie auslöschten. „Huääääääiiiiiiiiiiiiii“, „Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiikswuheeeeeee“. So etwas hatte ich in Frankfurt oder Dänemark noch nie gehört. Ich zitterte in meinem Pyjama. Einmal stahl ich mich todesmutig zum Fenster, während mein kleiner Bruder auf dem unteren Stockbett nichts ahnend schnarchte. Ich sah: nichts. Vielleicht bildete ich mir alles auch nur ein? Wurde verrückt? Wie auch immer– ich musste wachbleiben und meinen Bruder beschützen. Endlich kam der Abreisetag. Wir saßen beim Frühstück, und ich fasste mir ein Herz. Ich war mir mittlerweile sicher, nicht unter fortschreitendem Wahnsinn zu leiden. „Mama, hast du eigentlich auch die Schreie in der Nacht gehört?“ „Na klar“, sagte sie. „Das sind die Hofkatzen. Die paaren sich. Ich dachte, so etwas wüsstest du längst. Die tun dir doch nichts.“ Von wegen. Sie hatten mich zehn Tage lang um den Schlaf gebracht. Nie habe ich mich mehr auf die Heimreise in die Großstadt mit ihren kastrierten Hauskatzen gefreut.

Anne Lemhöfer

Rollende Sardinenbüchse

Aus heutiger Sicht erscheint diese Reise genauso abwegig wie der ganze traurige Rest, den man als Puberteenager über sich ergehen lassen musste. Es war im Jahre 1976 oder 1977, als wir zu sechst in den Lada des Stiefgroßvaters stiegen: meine Eltern, die Großeltern, ich und ein dicker fetter Dackel. Nicht etwa für eine Fahrt zum nächsten Restaurant – in dem Vehikel der unteren Mittelklasse starteten wir auf eine Rundfahrt durch die Schweiz. Keine Ahnung, ob mehr Gepäck als fünf Zahnbürsten in den Kofferraum passte.

Im Innenraum verteilte sich die Belegung jedenfalls wie folgt: Großeltern vorn, alle anderen im Fond und der Hund zu meinen Füßen. An viel kann ich mich zum Glück nicht mehr erinnern. Ich glaube aber, dass meine Abneigung gegen Hunde zum großen Teil mit dieser Schweiz-Reise zusammenhängt. Das Tier saß täglich etwa siebzehn Stunden vor mir und hechelte mir seinen an Verwesung gemahnenden Atem ins Gesicht, während ich versuchte, in der alptraumhaften Enge irgendwie Luft zu bekommen.

Andererseits war von den schlechten Dünsten des Dackels gar nicht so viel zu riechen, denn der Stiefgroßvater am Steuer quarzte eine Zigarre nach der anderen bei hermetisch verschlossenen Autofenstern. So war das üblich in den 70er Jahren. Niemand kam auf die Idee, an dieser Praxis etwas zu ändern. Jaja, die Schweiz. Ich glaube, es gab Berge dort.

Thomas Stillbauer

Du kommst hier nicht rein

Weil meine Eltern an chronischer Flugangst leiden, war unsere Reisezielauswahl von jeher beschränkt. Zu Beginn der Jahrtausendwende fuhren wir ein paar Jahre lang mit Zügen oder Bussen voll mit gröhlenden, besoffenen gerade Volljährigen an die Costa de Maresme. Der typische Strandurlaub in Spanien, das Highlight: Einmal in der Woche stand ein Ausflug an.

Einmal war das eine organisierte Bustour in die Water World nach Lloret de Mar. Als der Park schloss, teilte uns der Busfahrer jedoch halb auf Spanisch, halb in gebrochenem Deutsch mit, dass wir nicht mitfahren dürften. Wer morgens den ersten Bus nehme, müsse auch nachmittags den ersten Bus zurück nehmen. Dabei riet uns unsere Reisebegleiterin, den ersten und letzten Bus zu nehmen, damit wir die Zeit auskosten konnten.

Der Busfahrer schickte uns zum Informationsschalter des Parks und kaum drehten wir uns um, düste er davon. Die Reisebegleitung war trotz 24-Stunden-Service telefonisch nicht zu erreichen, und so blieb uns – zwei genervten Erwachsenen und drei nörgelnden, hungrigen Kindern – nur die eigene Abreise übrig, obwohl wir kaum noch Geld dabei hatten.

Wir fuhren mit dem kostenlosen Shuttlebus nach Lloret, wo wir den öffentlichen Bus nach Blanes nahmen, um dort in den Zug nach Pineda umzusteigen und mit dem Taxi zum Hotel zu kommen. Zurück kamen wir nur ein paar Minuten bevor der Speisesaal schloss – in kurzen Hosen, nassen Kleidchen und Badeklamotten, obwohl eigentlich Lange-Hosen-Pflicht herrschte, weil Candle-Light-Dinner-Abend war. Unsere Reiseleiterin war sich Tage später keiner Schuld bewusst. Das wäre bisher immer gut gegangen. Zur Entschuldigung gab es aber Pralinen und Rotwein.

Miriam Keilbach

Campari Orange

Es war warm und unerwartet windig. Das Meer knallblau, der Strand endlos. Also badeten wir im knallblauen Meer und gingen am endlosen Strand entlang. Es gab nur eine Bar, und weil wir älteren Geschwister gerade alt genug waren, Campari Orange zu trinken, durften wir Campari Orange trinken. Es gab Deutsche, die immer hier wohnten. Doll. Nach einer Woche war es immer noch sehr warm. Der Wind etwas nervend. Wir im knallblauen Meer und am Strand entlang. Dann wegen des Windes zwischendurch in die Bar auf einen Campari Orange mit den anderen Deutschen, die anscheinend den ganzen Tag hier saßen.

Nach zwei Wochen war es weiter sehr, sehr warm, eher schwül. Nicht so einfach, Schatten zu finden. Und Schutz vor dem starken Wind. Mittags versackten wir gelegentlich beim Campari Orange und gingen nicht mehr zurück an den endlosen Strand. Die anderen Deutschen hatten auch schon einiges intus. Nach drei Wochen war es letztlich noch schwüler. Vormittags in die Bar. Dann manchmal kurz an den Strand. Dort saß einmal einer der Deutschen und erzählte, dass er Geld für den Rückflug spare. Er weinte ein wenig und war im stürmischen Wind schlecht zu verstehen.

Nach vier Wochen fuhren wir fix und fertig heim. Die Hesse-Gesamtausgabe von Suhrkamp ist bis heute durch den Sand um ein Drittel angeschwollen. Ich trinke keinen Campari mehr und habe nie mehr länger als für zwei Wochen eine südlich gelegene Insel betreten.

Judith von Sternburg

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