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Was guckst du? Nutria bei der Morgengymnastik.

Nutrias in Hessen

Wer Wildtiere liebt, füttert nicht

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    Andreas Groth
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Nutrias haben in Südhessen die Herrschaft über Nebenflüsse und Kurparks übernommen, denn der Mensch füttert sie. Und das ist nicht gut, sagen Experten.

Auch mal interessant: Etwas in einem richtigen Buch aus Papier nachschlagen. Und lesen: „Biberratte, Nutria, Nager im gemäßigten Südamerika, bis 90 cm lang; liefert geschätztes Pelzwerk, auch als Zuchttier in Farmen.“ Sie lasen einen Eintrag aus dem „Brockhaus in einem Band“, Ausgabe von 1998. 

Kinder, wie sich die Zeiten ändern. Heute haben Nutrias die Herrschaft über unsere Nebenflüsse und Kurparks übernommen, nicht im gemäßigten Südamerika, sondern im genervten Südhessen. Und die (ja: die) hiesige Nutria liefert keineswegs „geschätztes Pelzwerk“, im Gegenteil: Sie lässt sich vom Menschen beliefern mit allem, was man fressen kann. Und das ist nicht gut, warnen Fachleute. 

Aus vielen Gründen. Unter anderem hat die Zutraulichkeit der Nutrias inzwischen Ausmaße angenommen, die an Straßenräuberei grenzen. Längst belagern sie Radwege entlang der Nidda in großer Zahl, und es fehlt nicht viel, dann reißen sie den zweirädrigen Passanten die Einkaufstaschen vom Lenker oder vom Gepäckträger. 

Die Nutrias im Bad Vilbeler Burgpark sind in den vergangenen Jahren eine kleine Attraktion gewesen. Am Wassergraben der Burg, in der Jahr für Jahr die Burgfestspiele stattfinden, haben sie sich pudelwohl gefühlt – im Sommer wie im Winter. 

Auf dem Höhepunkt seien es mehr als 50 Tiere gewesen, schätzt der Bad Vilbeler Gewässerökologe Gottfried Lehr. Vor etwa fünf Jahren tauchten sie dort erstmals auf. Und so mancher Spaziergänger hatte seitdem Freude daran, die Nager zu füttern.

Lehr zufolge sind mittlerweile nur noch ein paar Nutrias da. Ein Stadtsprecher teilt auf Anfrage sogar mit, dass sie seit dem Spätsommer ganz verschwunden seien. „Wo sie sind, wissen wir nicht.“ Auch den Grund ihres Verschwindens könne man nur ahnen. Möglicherweise habe es damit zu tun, dass wegen Bauarbeiten am Burggraben das Wasser abgelassen werden musste, sagt Lehr. Außerdem könnte der kalte Winter 2017/2018 ein Grund gewesen sein. Die Stadt selbst stellte Schilder auf mit dem Hinweis, das Füttern sein zu lassen, was hin und wieder auch von der Ordnungspolizei kontrolliert wurde. 

Das dürfte ein nicht unerheblicher Grund für die abnehmende Population gewesen sein. „Füttern ist das absolut Schlimmste, was man machen kann“, sagt Lehr. 

Große Schäden richteten die Biberratten in Bad Vilbel nicht an. „Sie haben kleinere Tunnelsysteme im Bereich des Burggrabens gegraben“, sagt der Stadtsprecher. Zudem hätten ihre Hinterlassenschaften auf den Wegen im Burgpark für wenig Erheiterung gesorgt. 

„Nicht füttern“, mahnt auch Thomas Norgall, Naturschutzreferent und stellvertretender Geschäftsführer des BUND Hessen. „Wir können nur immer wieder sagen: Das ist falsch verstandene Tierliebe.“ Denn das Füttern locke stets weitere Artgenossen an, ob Nilgans oder Nutria, und bringe die Natur aus dem Gleichgewicht. Die Folge: Überpopulationen, Krankheiten, Aggression bei Mensch und Tier. 

Wie viele Biberratten sind es? „Nutrias werden nirgends in Hessen systematisch gezählt, soweit wir wissen“, sagt Norgall. „Man hat einen Augenschein, sonst hat man nichts. Aber augenscheinlich sind sie nicht weniger geworden.“ Unklar ist, wo sie herkamen – Zufall oder ausgesetzt? Klar ist: Die Tiere besetzen eine ökologische Nische, bis die Kapazität dort ausgeschöpft ist. Der Mensch kann dann machen, was er will – er wird die eingewanderte Art nicht los. 

Norgall erinnert an die Versuche, der Ausbreitung des Fuchses Herr zu werden, nachdem die Tollwut als bestandsbegrenzender Faktor wegfiel. „Da half nichts. Man kann mit großem Aufwand alle möglichen Dinge probieren, aber niemand kann wirklich den Bestand eindämmen – außer dem Fuchs selbst.“ So werde sich auch die Lage bei den Nutrias entwickeln. „Wenn es zu viele werden, breiten sich in der Population Krankheiten aus, und dann greifen die Mechanismen.“ 

Im Frankfurter Brentanobad hat doch der Jäger die Nilgänse vertrieben – oder? „Mit gewaltigem Aufwand lassen sich Insellösungen schaffen“, sagt der Mann vom BUND. „Aber das ist eine Daueraufgabe. Es werden immer wieder neue Gänse ins Brentanobad kommen, und man wird sie, wenn man sie unbedingt loswerden will, immer wieder aufs Neue verjagen müssen.“

Wie geht’s den Nutrias bei alledem? Fühlen die sich eigentlich wohl? Schwierig, sagt Norgall, keiner könne in die Tiere hineingucken. Genauso schwer zu sagen: ob Neozoen andere Tierarten beeinträchtigen. „Da ist nichts erforscht und nichts bewiesen. Aber fest steht: Es gibt keine abnehmenden Wasservogelbestände.“ Eine gute Nachricht für unsere Stockenten.

Und woher kommt eigentlich der Name „Nutria“? Dazu Wahrigs Herkunftswörterbuch: „Nutria, Biberratte, Sumpfbiber (…) der Name geht auf die Kreuzung eines lateinischen mit einem griechischen Namen zurück, jedoch für ein anderes Tier, nämlich den Fischotter.“

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