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Eine kleine Typologie der Sitzmöbel in aufklärerischer Absicht. Von Kai Doering

Von KAI DOERING

Wie man sich bettet, so liegt man. Und beim Sitzen? Leicht abgewandelt könnte es heißen: Wie man sich stuhlt, so sitzt man. Das Sitzen ist in jedem Fall eine philosophische Frage. "Der Pluralismus bestimmt die Welt", meint auch Frank Ziegler, Geschäftsführer bei Leptien 3, einem Einrichtungshaus für Designmöbel in der Frankfurter Innenstadt. Vor zehn bis 15 Jahren habe es einen einheitlichen Stuhlstil gegeben, heute sei das ganz anders. "Wir verkaufen die unterschiedlichsten Sitzmöbel für die verschiedensten Umgebungen." Ganz individuell seien die Wünsche.

Wie muss man sich wohl einen Menschen vorstellen, der sich den Sessel "Joe" vom italienischen Hersteller Poltronova ins Wohnzimmer stellt? Der überdimensionale Baseballhandschuh ist ein echter Hingucker, bietet viel Platz für den Solo-Sitzer und ist breit genug für das Kuschelpärchen. Aber was sagt er über seinen Besitzer? Zumindest, dass er viel Geld hat, denn "Joe" ist mit einem Preis von 5891 Euro nicht gerade billig. Herumlümmeln jedenfalls kann man gut auf dem Sessel und das ist das, was die Leute heute wollen, sagt Frank Ziegler. "Das Sofa ist superprivat", Offizielles finde dagegen zunehmend am Tisch statt. Der passende Stuhl dafür ist der "Chair Classic", von Verner Panton in den 60er Jahren entworfen. Wie von Geisterhand rutscht der Sitzwillige in die dafür vorgesehene Mulde, des in kühlem Schwarz gehaltenen Möbelstücks. Verners Stuhl war mit seiner Vollkunststoffschale zur damaligen Zeit eine Revolution. "In den 50er und 60er Jahren wurde Kunststoff als neuer Werkstoff entdeckt", erzählt Ziegler.

Die Designer hatten jedoch kaum Erfahrung mit dem Material, darunter litt die Haltbarkeit. "Viele Stühle zerbröseln heute", klagt Ziegler. "Pantha rei", möchte man mit Heraklit einwerfen. "Alles fließt." Wem es vor lauter Philosophie zu viel wird, dem sei der Bürodrehstuhl "HeadLine" ans Herz gelegt. "Einen freien unbelasteten Kopf" verspricht der Schweizer Hersteller vitra. Rückenlehne und Kopfstütze des edlen Möbels passen sich der Größe des Benutzers automatisch an. Der Bezug ist atmungsaktiv, was den Feuchtigkeitsabbau fördern soll. Und: HeadLine lässt sich bis zu 98,5 Prozent recyclen.

"Ganz andere Anforderungen an ein Sitzmöbel haben die Japaner", weiß Geschäftsführer Ziegler. Für sie müssen Stühle leicht, dünn und feuerfest sein. Andere Länder, andere Sitten eben. Schließlich ist ein Stuhl also auch ein Stück Heimat. "Sina", vom Frankfurter Architekten Uwe Fischer entworfen, ist ein echtes Stadtkind. Sie ist drehbar, aus Aluminium und mit Leder bezogen. Mit allen vier Beinen steht sie fest im Leben. Wohl dem, der eine solche Partnerin im Hause weiß.

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