Hessen

Studierende stehen unter Druck

  • Pitt v. Bebenburg
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Hessischer Landtag debattiert über Folgen der Bologna-Reform. Nur die AfD will zurück zum Diplom

Zu viel Verschulung, zu wenig Zeit für eigenständiges Lernen – die Kritik an den Auswirkungen der Bologna-Reform der Studiengänge ist seit ihrer Umsetzung vor mehr als 20 Jahren nicht verstummt. Korrekturen seien weiter nötig, befand Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) am Donnerstag im Hessischen Landtag.

Man müsse „die Durchlässigkeit vom Bachelor zum Master besser ermöglichen“, sagte die Ministerin. Außerdem erscheine ihr bei manchen Fächern „der Arbeitsmarktbezug zu eng gefasst“. Ähnlich äußerten sich Abgeordnete anderer Parteien. Insgesamt fiel ihr Urteil über die europaweite Reform aber überwiegend positiv aus. Dorn urteilte: „Dank des Bologna-Prozesses sind unsere Hochschulen eigenverantwortlicher, durchlässiger und internationaler geworden.“

Die AfD hatte das Thema auf die Tagesordnung gesetzt. Sie stand allein mit ihrer Forderung, zu den früheren Abschlüssen Diplom und Magister zurückzukehren, als Alternative zu Bachelor und Master, die in Bologna als einheitliche europäische Abschlüsse eingeführt worden waren. „Der Gewinn für unsere Wirtschaft und das Markenzeichen Made in Germany wäre enorm“, erwartete der wissenschaftspolitische Sprecher der AfD, Frank Grobe, und verwies auf den „Exportartikel Diplom-Ingenieur“. Grobe verlangte auch, wieder den Abschluss Staatsexamen zu vergeben – worauf Linken-Fraktionschefin Janine Wissler und die Grünen-Hochschulpolitikerin Nina Eisenhardt ihm erklärten, dass das Staatsexamen in Hessen keineswegs abgeschafft worden sei.

Bologna-Reform

Mit der Bologna-Reformwurden die Studienabschlüsse Bachelor und Master europaweit eingeführt. Die ersten 29 teilnehmenden Staaten unterzeichneten die Erklärung im Juni 1999 in der italienischen Stadt Bologna. Der Prozess zielte darauf, die internationale Vergleichbarkeit der Studiengänge und Studienabschlüsse zu verbessern. Heute machen 47 Staaten mit.

Kritikhat die Bologna-Reform von Anfang an begleitet, vor allem wegen der starken Verschulung durch eine Modularisierung des Studiums. pit

Redner von CDU, Grünen, SPD, FDP und Linken lehnten den AfD-Vorstoß ab, da er rückwärtsgewandt und deutschtümelnd sei. Ministerin Dorn urteilte, wer solche „nationalen Alleingänge“ fordere, beschädige den europäischen Gedanken. „Vor 20 Jahren wäre diese Debatte vielleicht nicht so vertan gewesen“, befand die SPD-Abgeordnete Daniela Sommer. Der FDP-Hochschulexperte Mathias Büger formulierte: „Die Zukunft gewinnt man definitiv nicht, indem man in der Vergangenheit stecken bleibt.“

Büger hob ebenso wie der CDU-Abgeordnete Andreas Hofmeister die Vorzüge der Hochschulentwicklung im Bologna-Prozess hervor. Studienabschlüsse seien vergleichbarer geworden, Hochschulen hätten an Autonomie und Eigenverantwortlichkeit gewonnen. Zudem hätten sich Studienzeiten verringert.

Genau hierin sehen Sozialdemokraten und Linke ein Problem. Es sei nicht gut gewesen, dass man die Inhalte eines vierjährigen Magister- oder Diplomstudiums in ein dreijähriges Bachelorstudium gequetscht habe, bemängelte SPD-Frau Sommer. Ihr Parteifreund Gernot Grumbach fügte hinzu, dies sei das Ergebnis einer verfehlten nationalen Umsetzung.

„Lernen braucht Zeit“, betonte auch Linken-Politikerin Wissler. Stattdessen sei das Studium zu einer „Punktejagd“ verkommen. Gerade durch den Zeitdruck gebe es eine soziale Auslese, weil Jobben nur schwer mit einer 40-Stunden-Woche im Studium zu vereinbaren sei. „Die soziale Durchlässigkeit muss zum wichtigsten Ziel europäischer Hochschulpolitik werden“, forderte Wissler.

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