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Studierende aus dem Iran: „Das ist kein Protest, das ist eine Revolution“

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Von: Timur Tinç

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Donna, Siavash, Atussa (von links) engagieren sich laut gegen das iranische Mullah-Regime.
Donna, Siavash, Atussa (von links) engagieren sich laut gegen das iranische Mullah-Regime. © Christoph Boeckheler

Die Studierenden Donna, Atussa und Siavash aus dem Rhein-Main-Gebiet erzählen, wie sie die Situation in der Islamischen Republik in Deutschland bewegt, schildern ihre persönlichen Erlebnisse und wie sie ihre Stimmen erheben.

Donna (25), Atussa (26) und Siavash (32) sind sich bewusst, dass sie nach diesem Gespräch mit der FR nicht mehr in den Iran einreisen können. Ihre Nachnamen nennen sie aus Schutz für ihre Familien nicht. Siavash ist im Iran geboren und kam vor sieben Jahren als Flüchtling nach Deutschland. Er studiert Sozialpädagogik an der Frankfurter Goethe-Universität. Donna und Atussa sind in Deutschland geboren, leben in Mainz und studieren an der Johannes-Gutenberg-Universität Humangeografie beziehungsweise Accounting and Finance.

Seit dem Tod von Jina Mahsa Amini am 16. September organisieren sie Proteste, um den Iranerinnen und Iranern eine Stimme im Ausland zu geben. Ihre Emotionen schwanken zwischen Wut auf das Mullah-Regime, Ärger über die westlichen Länder, Fassungslosigkeit über wenig Verständnis und Empathie, aber auch Hoffnung auf einen demokratischen Iran. „Das ist ist kein Protest, das ist eine Revolution“, sagen sie.

Siavash: Ich habe Kontakt mit sehr vielen Freunden im Iran, die auf der Straße waren. Die sind jetzt fast alle im Gefängnis. In Deutschland habe ich mit mehrere Freunden und Studierenden Kundgebungen vorbereitet. Wir haben Kontakt mit Politikerinnen und Politikern deutschlandweit aufgenommen. Wir kooperieren mit einer Feministinnengruppe in Berlin, die seit über 50 Tagen einen Sitzstreik vor dem iranischen Konsulat macht.

Atussa: Die und andere Demoteilnehmer in anderen Städten wurden sogar schon angegriffen. Es fängt im Iran an, hört aber nicht dort auf. Es gab schon vor 30 Jahren die Mykonos-Morde, als vier exiliranische Politiker in einem griechischen Restaurant in Berlin ermordet wurden.

Donna: Vor Jahren wurde der iranische Journalist Ruhollah Zam aus Frankreich in den Irak gelockt, gekidnappt und im Iran hingerichtet. In Mainz wurde 1982 das Studentenwohnheim Inter 1, in dem ganz viele Exiliraner:innen lebten – darunter auch mein Vater – von bis zu 200 bewaffneten Anhängern der Revolutionsgarden angegriffen. Dabei ist eine deutsche Frau ums Leben gekommen.

Atussa: Die haben ihre Finger überall im Spiel. Deswegen unser Appell, dass international etwas gemacht werden muss und die Aufmerksamkeit nicht abflachen darf. Ich habe in meiner Familie zwei Mitglieder, die verhaftet worden sind, obwohl sie nicht mal aktiv an der Revolution teilgenommen haben. Meine Tante wurde letztens von den Mitgliedern der iranischen Revolutionsgarde verprügelt.

Die Studierenden könnten noch viele weitere Fälle aus der Familie oder dem Bekanntenkreis aufzählen. Kürzlich haben sie auf Instagram die Gruppe Generation Azadi (Freiheit) gegründet, um mehr Menschen zu erreichen.

Donna: Ich habe manchmal das Gefühl, dass man sich dafür rechtfertigen muss, dass einen das überhaupt interessiert. Die Frage sollte eher sein: warum nicht? Es macht ja auch etwas mit mir, wenn ich weiß, dass mein Vater seit 43 Jahren nicht nach Hause kann. Es ist ein Lebenswunsch von mir, dass das Land frei wird. Mich stört auch dieser Whataboutism, wenn gefragt wird: Aber was ist mit den Frauen in Saudi-Arabien? Jetzt gerade sind es die Frauen im Iran, die die Revolution begonnen haben und damit weltweit für alle Frauen eine Inspiration sein können.

Atussa: Die Menschen im Iran gehen nicht wegen des Kopftuchs auf die Straße. Es geht um grundlegende Menschenrechte. Das Tragen des Schals ist eindeutig ein Symbol der Unterdrückung. Es geht um die Freiheit, anziehen zu können, was man will. Mich bedrückt die Situation sehr. Es gibt keinen Tag, an dem man abschalten kann. Ich sehe ganz viele Videos auf Instagram, TikTok. Wir wollen etwas tun. Wir wollen nicht hilflos sein. Ich kenne viele Kinder von Exiliranern, die die Klappe halten, um sich nicht die Chance zu verderben, irgendwann wieder in den Iran zu können.

Donna: Ich war vier-, fünfmal selbst im Iran. Zuletzt 2018. Ich kann es mit meinem Gewissen nicht mehr ausmachen. Ich finde es umso wichtiger, jetzt laut zu sein. Ich höre oft von Deutsch-Iraner:innen, dass sie sich schuldig fühlen, weil sie nicht im Iran sind und nur beschränkt etwas machen können. Ich habe das Gefühl, dass viele wachgeworden sind. Bei uns laufen sowieso immer von morgens bis abends die Nachrichten von Sendern wie Iran International oder Manoto TV. Das Staatsfernsehen schaut auch im Iran keiner.

Siavash: Mit VPN über Internet geht das. Außerdem hat fast jede Familie Satellitenempfang. Die Regierung verbietet Apps wie Instagram und Twitter nicht, weil sie sie für ihre eigene Propaganda benutzt.

Alle drei haben enge Kontakte zu ihren Verwandten, Freundinnen und Freunden im Iran und haben so manches selbst erlebt.

Siavash: Meine Familie ist ziemlich konservativ und pro Regime. Seit der grünen Revolution im Jahr 2009 habe ich erkannt, dass dieses System geändert werden muss. Ich habe im ersten Semester klinische Psychologie in Shiraz studiert und war mit vielen Leuten auf der Straße. Ich wurde mehrmals festgenommen. Ich war für 30 Tage in Isolationshaft. Danach hat der Prozess begonnen, bei dem ich eine Augenbinde tragen musste. Ich weiß nicht, in welchem Gefängnis ich war oder wie viele Leute da waren.

Atussa: Ich habe eine Verwandte, die 1979 protestiert hat und im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran gelandet ist. Sie hat mir erzählt, dass sie sechs Monate ihre Periode nicht bekommen hat und mit Kabeln auf die Füße geschlagen wurde, bis sie nicht mehr laufen konnte. Sie ist nur mit Glück rausgekommen.

Siavash: Das passiert jeden Tag. Es gibt sehr viele sexuelle Angriffe auf Frauen. Ich kann mich an die Schreie von Frauen im Gefängnis erinnern.

Donna: So viele Exiliraner:innen haben krasse Geschichten durchgemacht, bei denen Familienmitglieder oder Freunde hingerichtet wurden. Wir, die nachfolgende Generation, haben das von klein auf mitbekommen. Mein Vater war freitags immer auf Sitzungen und hat hier Proteste organisiert. Ich habe meine Bachelorarbeit zu Entfremdungstendenzen in der iranischen Gesellschaft geschrieben. Im Iran wurde ich mal von der Sittenpolizei angehalten, weil ich bei 50 Grad meinen Mantel offen und ein T-Shirt darunter hatte. Ich war mit meiner Cousine alleine unterwegs. Die Frau hat heuchlerisch gesagt: „Hallo, mein Schatz, wie geht’s?“ Ich habe automatisch auf Deutsch geantwortet. Sie hat dann meine Cousine mit ihrer falschen freundlichen Stimme gefragt: „Wie heißt denn dein Vater? Wo wohnt ihr?“ Am Ende sagten die Polizisten: „Wir machen eine Ausnahme, zieh deinen Mantel richtig an und passt auf euch auf.“

Atussa: Ich habe vor ein paar Jahren mal an einer geheimen Hausparty teilgenommen. Die Menschen sind so weltoffen. Es tut mir im Herzen weh, wie sie im Stich gelassen werden.

Die Studierenden haben klare Vorstellungen, was sich ändern muss, um das Regime im Iran härter zu treffen, und welche Aspekte in der öffentlichen Debatte vernachlässigt werden.

Siavash: Die Sanktionen gehen nicht weit genug. Bisher trifft es die Menschen im Iran viel härter, als hochrangige Vertreter des Regimes. Die können weiterhin zum Beispiel in die USA oder nach Kanada reisen.

Donna: Man fragt sich auch, warum die Revolutionsgarde nicht auf der Terrorliste steht.

Siavash: Viele Iran-Experten, die bei Medien, Universitäten und Akademien arbeiten, sind abhängig vom Regime. Vor allem die sogenannten Reformisten. Es gibt keinen Unterschied zwischen ihnen zu anderen Gruppen im Regime. Die Lobbyisten in Deutschland, Europa oder den USA glauben, dass die Reformisten besser sind. Die europäischen Länder müssen stärker auftreten. Der iranische Rat hat kürzlich beschlossen, dass alle Menschen, die jetzt im Gefängnis sitzen, hingerichtet werden müssen. Warum stehen diese 227 namentlich bekannten Mitglieder des Rats nicht auf den Sanktionslisten?

Atussa: Ich bin sehr enttäuscht von Annalena Baerbocks Außenpolitik und davon, dass auch nicht über Kurdistan gesprochen wird, wo bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen.

Siavash: Die Revolutionsgarden haben die kurdische Region im Iran isoliert.

Donna: Man versucht, wie mit dem Irak-Krieg ein Feindbild zu kreieren. Das Regime will das Narrativ verändern, indem es sagt, im Land sei ein Bürgerkrieg angezettelt worden.

Siavash: Das ist die gleiche Strategie wie bei Assad in Syrien. In iranischen Medien wird behauptet, die Minderheit der Baha’i-Religion habe die Proteste begonnen. Viele sind jetzt in Gefängnissen. In solchen Situationen versucht das Regime, ethnische und religiöse Minderheiten stärker zu unterdrücken

Atussa: Die Message ist eindeutig: Das Regime muss weg. Die Revolution ist anders als 2009. Die Menschen haben es satt.

Donna: Viele westliche Medien sind in den vergangenen Jahren auf die Regimeproganda reingefallen. Die Berichte öffnen sich jetzt aber mehr, weil die Menschen so laut sind, und sie werden nicht aufhören, laut zu sein. Wir sind alle müde, aber in einem wachen Zustand. Ich mache gar nichts mehr für die Uni. Das ist jetzt irgendwie mein Job geworden. Ich finde, dass wir es den Menschen im Iran schuldig sind.

Aufgezeichnet von Timur Tinç

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