Für Antikörpertests müssen Blutproben entnommen werden.
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Für Antikörpertests müssen Blutproben entnommen werden.

Corona-Infektionen

Studie: Corona-Dunkelziffer in Rhein-Main gering

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Antikörperstudie bei Infraserv in Frankfurt-Höchst zeigt, dass erst wenige Menschen die Corona-Infektion durchgemacht haben. Forscherin warnt vor verfrühter Gelassenheit.

Im Rhein-Main-Gebiet haben relativ wenig Menschen eine Corona-Infektion durchgemacht. Die Durchseuchung und damit Immunität der Bevölkerung ist demnach gering. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, bei der 1000 Mitarbeiter der Firma Infraserv in Höchst getestet wurden. Sie sei nicht repräsentativ, zeige aber, dass es keinen Grund zur Entwarnung gebe, sagte Sandra Ciesek, Direktorin der Medizinischen Virologie des Universitätsklinikums Frankfurt am Dienstag in Wiesbaden. „Viele Menschen können sich noch infizieren.“

Eine weitere Erkenntnis ist die niedrige Dunkelziffer. Sie habe ihn überrascht, ergänzte Stephan Becker, Professor am Institut für Virologie der Philipps-Universität Marburg. Lediglich einer der 1000 freiwilligen Teilnehmer war akut infiziert, ohne es zu wissen. Drei hatten die Krankheit bereits unbemerkt durchgemacht, zwei weitere Probanden wussten es. „Demnach sind die anderen 994 gefährdet sich anzustecken“, warnte Becker. „Das ist eine sehr wichtige Botschaft.“ Ciesek und Becker gehören zu dem Konsortium, das die erste hessische Studie dieser Art initiiert hatte.

Weitere müssten folgen, forderte der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts, René Gottschalk, das ebenfalls involviert war. „Entsprechende Folgeuntersuchungen sind sinnvoll, um ein komplettes Bild des Verteilungsmusters zu erhalten.“ Die Situation in den verschiedenen Regionen der Republik sei sehr unterschiedlich. Als Beispiel nannte Ciesek die Region Heinsberg, die durch den heftigen Ausbruch nach einer Karnevalssitzung bundesweite Berühmtheit erlangte. Den späten Termin der Veröffentlichung der Studie begründete die Virologin mit dem zeitaufwendigen Verfahren der Antikörperfeststellung sowie dem Wunsch, die Ergebnisse am Tag der Veröffentlichung online verfügbar zu machen.

Die Studie

Mitte April hatte das Team des arbeitsmedizinischen Zentrums von Infraserv Frankfurt-Höchst an fünf Werktagen bei 1000 Personen jeweils einen Nasen-Rachen-Abstrich vor- und Blut abgenommen.

Die Teilnahme war freiwillig, das Interesse größer als der Bedarf. Getestet wurden Mitarbeiter aus Produktion, Technik, Labor und Verwaltung. 80 Prozent waren Männer. Mehr im Internet auf medrxiv.org.

Bereits Mitte April war den 1000 gesunden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Infraserv Höchst der Nasen-Rachen-Abstrich für den Nachweis einer akuten Infektion genommen worden. Außerdem Blutproben, um das Vorliegen einer früher durchlaufenen Infektion zu testen.

Die Wissenschaftler wollten es genau wissen, die gängigen Antikörpertests hielten ihren Ansprüchen nicht stand. Mit ihnen waren zunächst 29 der Probanden als immun getestet worden, sagte Becker. Am Ende stellte sich heraus, dass 24 Reaktionen gegen Cornaviren zeigen, die für normale Wintererkältungen verantwortlich sind. Erst nach Anwenden des „Goldstandards“ zeigte sich, dass bei lediglich fünf Personen Covid-19 eine Rolle spielte.

Seit 14 Tagen gebe es Antikörpertest von großen Firmen, deren Qualität besser sei als die der ersten Generation, sagte Ciesek. Doch eine Konsequenz für den Umgang mit dem Virus lasse sich daraus derzeit nicht ableiten. Wissenschaftlich sei nicht erwiesen, ob Antikörper vor einer künftig Ansteckung mit Covid-19 überhaupt schützten, und falls ja, wie lange: „Wir wissen noch zu wenig über Immunität und wie lange ein Antikörper da ist.“

Von weiteren Lockerungen, wie sie Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) in die Diskussion gebracht hat, hält Hessen Sozialminister Kai Klose (Grüne) deshalb nichts. „Für ein vollständiges Aufheben des Kontaktverbots ist es zu früh.“ Auch Gottschalk appellierte an die Bevölkerung, die Gefahr weiter ernst zu nehmen. Das Maskentragen, Abstandhalten und Händewaschen halte die Infektionszahlen in Rhein-Main niedrig. Beweis dafür sei die Studie.

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