+
So manches Rind muss nicht mehr auf die weite Reise zum nächsten Schlachthof.

Verzicht auf Tiertransport

Stressfrei zur Schlachtbank

  • schließen

Eine mobile Einheit ermöglicht das Töten von Rindern beim Bauern und den Verzicht auf Tiertransporte.

Vom Stall direkt in den Tod: Erstmals wurden jetzt in Hessen Rinder ohne stressigen Transport geschlachtet, die nicht sommers und winters auf der Weide grasen. Bei diesen kommt eine Weideschlachtung nicht in Betracht. Ermöglicht wird dies durch eine mobile Schlachteinheit, die am Montag vorgestellt wurde. Der Fixierstand und Hänger wird in den kommenden Monaten zwischen Nord- und Südhessen pendeln, um weiteren Tieren die Tortur des Ver- und Entladens zu ersparen. Entwickelt wurde die Technik im Rahmen des im Januar 2017 gestarteten Europäischen Innovationspartnerschaftsprojektes „Extrawurst“. Beteiligt waren ein Betrieb in Wölfersheim in der Wetterau und in Witzenhausen im Werra-Meißner-Kreis. Gefördert wird es bis Ende des Jahres von der EU und dem Land.

Die Neuerung ist nicht nur hinsichtlich des Tierwohls ein Fortschritt. Transport und fremde Umgebung vor dem Schlachten stressten die Rinder und führten zu schlechterer Fleischqualität, teilten die Projektpartner am Montag mit. Beim Verladen komme es oft zu Arbeitsunfällen. Nicht zuletzt sei das Projekt auch eine Reaktion auf die zunehmende Sensibilität der Verbraucher gegenüber dem Thema Schlachtung und Tiertransporte.

Das Rind wird in den Fixierstand geführt, der Schlachter setzt den Bolzenschuss. „Innerhalb der gesetzlich vorgesehenen Zeit von 60 Sekunden muss es aus dem Stand hinaus und im neuen Schlachtanhänger entblutet und damit getötet werden“, berichtet Hans-Jürgen Müller, der Vorsitzende des Verbandes für Landwirte mit handwerklicher Fleischverarbeitung, der bis zum vergangenen Jahr noch selbst Rinderhalter auf Gut Fahrenbach in Witzenhausen war. Danach erfolgt der Transport in den stationären Teil des Schlachtunternehmens zur weiteren Verarbeitung, bis schließlich die Rinderhälften im Kühlhaus landen. 

„Ein enormer Fortschritt für eine tiergerechtere, schonendere Schlachtung und mehr Arbeitsschutz“, sagte die Wetterauer Kreisveterinärin Veronika Ibrahim, die das Projekt als Mitglied der Gruppe „Extrawurst“ fachlich begleitet hat. „Ich habe einfach schon zu viele Schlachtungen gesehen, bei denen der Transport und das Entladen der oftmals aus Mutterkuhhaltung stammenden Rinder für Mensch und Tier äußerst stressig gewesen sind.“

Das mobile Schlachten sei zwar teurer, ergänzte Sven Lindauer, Landwirt auf Gut Fahrenbach in Witzenhausen und zugleich Metzgermeister. „Aber wir Landwirte können uns, ebenso wie die Metzger, mit dem neuen Verfahren einen Wettbewerbsvorteil am Markt holen.“ Er erhofft sich einen neuen Absatzmarkt, der die Beziehung im ländlichen Raum zwischen Bauern, Metzgern und Kunden beleben könne. 

Um diese Möglichkeit zu eröffnen, mussten strenge europäische Rechtsvorschriften eingehalten werden. Hygieneverordnung, Tierschutzschlachtverordnung, die Bedenken der Veterinäre – all dies wurde berücksichtigt. Mit dem mobilen Schlachten geht auch ein Wunsch von Hessens Tierschutzbeauftragter Madeleine Martin in Erfüllung. Nicht nur Biobauern, sondern auch konventionelle Landwirte legten zunehmend Gewicht darauf, Tierleid zu mindern.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare