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Massive Setzrisse in der Mauer eines Hauses an der Offenbacher Krafftstraße. Wohnungs- und Hauseigentümer in dem Viertel fordern, die Stieleichen vor den Gebäuden zu fällen. Diese seien für die Schäden verantwortlich. Foto von Monika Müller

Streit um Gebäuderisse in der Offenbacher Innenstadt geht weiter

  • Agnes Schönberger
    vonAgnes Schönberger
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Die Stadt Offenbach legt Analyse und Leitfaden zu Rissen in Häusern vor. Betroffene Eigentümer kritisieren die Gutachten als einseitig. Schuld an den Schäden seien die Bäume, sagen sie.

Untätigkeit kann man Baudezernent Paul-Gerhard Weiß (FDP) und Umweltamtsleiterin Heike Hollerbach beim Thema Setzrisse nicht vorwerfen. Denn es beschäftigt sie seit Jahren. Wenn sie aber gehofft hatten, der gestern von ihnen vorgestellte Leitfaden zur Analyse für Rissbildungen an Häusern und die Ergebnisse der von ihr bezahlten Gutachten zu Gebäudeschäden im Mathildenviertel würden die Gemüter der Bürger beruhigen, haben sie sich geirrt.

Der Streit darüber, was die Risse verursacht und was dagegen getan werden sollte, geht weiter. Denn die Expertise fiel so aus, wie es die betroffenen Wohnungs- und Hauseigentümer in Krafft- und Karlstraße befürchtet hatten. Nicht die sehr dicht vor den Jugendstil- und Gründerzeithäusern gepflanzten Stieleichen sollen schuld an immer größeren Rissen in Kellern und Wohnungen sein, sondern – bezogen aufs Stadtgebiet – der Klimawandel, marode Kanäle oder ungeeignete Fundamente. Und natürlich der Rupelton, der unter Wassermangel schrumpft und zu Setzungen an Gebäuden führt.

Sind die Bäume schuld?

Der Leitfaden informiert über mögliche Ursachen von Rissen und zeigt Zusammenhänge zwischen Konstruktion, Gründung und Baugrund auf. Ein Checkliste soll helfen, eine sinnvolle Reihenfolge für Untersuchungen zu finden und unnötige Kosten für Gutachten zu vermeiden. Weiß kündigte an, die Stadt werde die Anleitung selbst anwenden. „Auch wir haben Interesse an einer kostensparenden Vorgehensweise.“

Er betonte, die Stadt sei nicht verpflichtet, Ursachenforschung für Privatleute zu betreiben. Dennoch habe man für das Pilotprojekt allen betroffenen Eigentümern angeboten, die Untersuchungen auf Kosten der Stadt durchzuführen. Nur zwei Leute hätten das Angebot genutzt.

Einer ist Stefan Prinz. In seiner Eigentumswohnung an der Krafftstraße sind die Risse inzwischen so groß, dass eine Zwei-Euro-Münze hineinpasst. Für ihn und seine Mitstreiter sind in erster Linie die städtischen Bäume für die Schäden verantwortlich. Sie stünden zu nah an den Häusern und entzögen dem Boden wegen der Trockenheit zu viel Wasser. Das gefährde die Bausubstanz.

Aber nicht nur die Risse bereiten ihnen Sorgen. Jüngst stürzten Fassadenteile von einem denkmalgeschützten Haus an der Karlstraße auf den Gehweg. Prinz und seine Mitstreiter fordern schon lange, die Stieleichen zu fällen. Sie wären bereit, auf eigene Kosten standortgerechte Bäume nachzupflanzen. Das lehnt die Stadt ab. Die von ihr beauftragten Experten erklärten, die Bäume seien „eindeutig nicht ursächlich für die Risse an den Gebäuden“. Die Probleme hingen mit dem Rupelton zusammen, der durch die Hitzejahre mit dramatischem Grundwasserrückgang so ausgetrocknet und fest sei, dass er kein Wasser abgebe und Wurzeln auch nicht eindringen könnten.

Was bei den untersuchten Häusern der Grund für die Risse ist, wurde unter Hinweis auf den Datenschutz nicht gesagt. Nur so viel: Eine Befahrung der Hausanschlüsse und eine Kampfmittelsondierung hätten mögliche Ursachen im Untergrund aufgezeigt. Die betroffenen Eigentümer halten die Gutachten für einseitig und widersprüchlich. Der Klimawandel, die maroden Kanäle und der sinkende Grundwasserspiegel beträfen schließlich ganz Offenbach. „Warum haben andere Gebäude dann keine Probleme, obwohl sie denselben Rupelton und niedrigen Grundwasserspiegel haben?“, heißt es in ihrer Erklärung.

Der einzige Unterschied besteht ihrer Meinung nach im geringen Abstand der Bäume zu ihren Häusern. Gebäude, vor denen keine Bäume stünden, wiesen keine Schäden auf, sagt Prinz. Er befürchtet, preiswerter Wohnraum könnte verloren gehen, wenn Hausbesitzer langwierige Auseinandersetzungen mit der Stadt scheuten und ihre Immobilien verkauften. Jüngst sei ein Mietshaus an der Karlstraße wegen der hohen Sanierungskosten veräußert worden. Danach sei die Miete deutlich gestiegen.

Eine Zwei-Euro-Münze passt in den Riss in der Wohnung von Stefan Prinz, das Haus befindet sich ebenfalls an der Krafftstraße im Offenbacher Mathildenviertel. Foto von Monika Müller
Die Offenbacher Krafftstraße mit ihren Gründerzeithäusern und viel Grün hat Flair. Aber die Idylle trügt. Massive Risse in Kellern und Wohnungen bereiten Mietern und Eigentümern Sorgen. Foto vonMonika Müller

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