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Chronisch verspätet und trotzdem beliebt: Der RMV verkaufte seit November 40.000 Jahreskarten. 

Verkehr

Der RMV stockt seine S-Bahn-Flotte auf

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Immer mehr Menschen nutzen Bus und Bahn, obwohl die Qualität besser sein könnte. Das sieht auch der Geschäftsführer so.

Das neue Seniorenticket für Menschen ab 65 Jahren ist der Renner. Mehr als 40 000 Leute haben seit November die Jahreskarte beim Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) gekauft, mit der sie für einen Euro pro Tag durch ganz Hessen reisen können. Das Jobticket boomt ebenfalls und auch das Schülerticket. Gerne würde der RMV weitere solcher Angebote auflegen – auch das im schwarz-grünen Koalitionsvertrag des Landes vereinbarte, nicht näher definierte Bürgerticket. Doch das sei nur möglich, wenn die öffentlichen Hand solche Projekte langfristig unterstütze, sagt Geschäftsführer Knut Ringat. Und das wäre nicht einzige Investition in die angebrochene Verkehrswende, die dem Klima guttut und dem öffentlichen Personennahverkehr Rückenwind liefert.

Immer mehr Menschen nutzten den RMV. Grund ist die wachsenden Bevölkerung im Ballungsraum, und dass immer mehr Menschen umsteigen. 805 Millionen Fahrgäste zählte der Verbund im vergangenen Jahr. 17 Millionen mehr als im Jahr zuvor. Ein Drittel des motorisierten Verkehrs im S-Bahn-Einzugsgebiet findet inzwischen in Bus und Bahn statt. Und das, obwohl, wie Ringat einräumt, die Qualität „nicht so gut ist, wie wir sie uns wünschen würden“. Prognosen sagen ein weiteres Wachstum voraus. Womöglich ist schon in fünf Jahren die Marke von einer Milliarde Fahrgäste geknackt.

Im vergangenen Jahr waren acht Prozent aller S-Bahnen unpünktlich, das heißt, sie hatten eine Verspätung von mindestens sechs Minuten. 


Der Fahrgastverband Pro Bahn fordert vom RMV eine „ehrliche Bestandsaufnahme“, die auch Auskunft gebe über die Anzahl der ausgefallenen Züge und die die Verteilung der Verspätungen aufführe.

Die Reserve bei den S-Bahn-Wagen müsse ausgebaut werden; Anschlüsse, etwa zum Bus, müssten besser aufeinander abgestimmt und gesichert, die Information der Kunden verbessert werden. jur

Eine gute Nachricht für das Klima. Doch der jahrzehntelang vernachlässigte Ausbau der Kapazitäten hinkt hinterher. „Die größte Entlastung kommt erst mit der Erweiterung der Infrastruktur“, sagt Ringat. Er geht davon aus, dass in diesem Jahrzehnt die S-Bahn-Linie 6 nach Friedberg auf einem eigenen Gleis verkehrt, die Nordmainische S-Bahn und die Regionaltangente West in Betrieb gehen. Bis dahin werde es noch voller in Bussen und Bahnen. Nicht zuletzt müsse die Politik mitspielen. „Mehr Verkehr kostet mehr Geld.“

Bis die großen Schienenprojekte fertig sind, dreht der RMV weiter an kleineren Stellschrauben. Zur Entlastung der Bahnen gibt es erstmals parallelen Busverkehr – etwa zwischen Kelkheim und Frankfurt-Höchst. Mehrere Eisenbahnverkehrsunternehmen schließen sich zusammen, um die zusätzlichen Fahrten zu organisieren – etwa zwischen Eltville und Frankfurt. In Mittelhessen gibt es drei neue Schnellbuslinien. Und in den nächsten drei Jahren wächst die S-Bahn-Flotte um 21 auf insgesamt 212 Fahrzeuge. Das bedeutet mehr Langzüge, ermöglicht schnelles Wenden und größere Stabilität im Netz.

Denn die bleibt bei der S-Bahn ein Problem. Die Modernisierung der Technik im Frankfurter Tunnel zeigt zwar positive Effekte. Die Pünktlichkeitsquote verbesserte sich im Vergleich zum Vorjahr trotz wachsender Fahrgastzahlen um einen Prozentpunkt auf 93 Prozent. Doch im vierten Quartal ging es mit der Qualität steil bergab: Die Werte der Linien 3, 8 und 9 lagen bei teilweise unter 80 Prozent. Gründe waren die sich verzögernde Bahnsteigsanierung in Niedernhausen, Störungen von Weichen, Oberleitungen oder anderer Infrastruktur, die Sperrung des Regionalbahnhofs durch die Baustelle Gateway Gardens und überdurchschnittlich viele „externe Störungen“ an zentralen Punkten im Netz; die Zahl der Polizeieinsätze, etwa wegen eines vergessenen Gepäckstücks, Personen im Gleis oder Notarzteinsätze hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt.

Angesichts der alternden Gesellschaft rechnet Ringat mit einer Zunahme der Arzteinsätze. Bei dem Management solcher unvorhersehbaren Ereignisse sieht er Nachholbedarf. Eine einheitliche und zuverlässige Fahrgastinformation soll das neue System der Deutschen Bahn (DB) bringen. In den monatlichen Gesprächsrunden mit dem Schienenunternehmen, sagt Ringat. gehe es auch darum, dass Weichen oder Oberleitungen nicht erst erneuert würden, wenn sie kaputt seien. „Wir drängen auf präventive Prozesse.“

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