Frankfurter Stadtwald

Der stille Frankfurter Wald

Dank des Coronavirus klingt der Frankfurter Stadtwald neuerdings weniger nach Einflugschneise und mehr nach Natur.

Man hört es lange, bevor man die Geräuschquelle sieht. Ein rhythmisches, von kurzen Pausen unterbrochenes Klopfen hallt durch den Frankfurter Stadtwald. Nach kurzer Suche sieht man dann den Vogel mit seinem schwarz-weißen Federkleid, dem roten Schwanz und dem roten Fleck auf dem Hinterkopf, der in einigen Metern Höhe über einem an einem kahlen Baum hängt: Es ist der Buntspecht. Er schenkt dem Beobachter keine Beachtung, sondern bearbeitet noch für einige Minuten die Rinde, dann fliegt er weiter. Er verschwindet in der nächsten Baumgruppe. Und kurz darauf erklingt das Klopfen erneut.

Den Gesang von Vögeln, das Rascheln im Unterholz, den Wind der zwischen die Bäume fährt, das Klopfen von Spechten: All das kann man an diesem Nachmittag im Stadtwald zwischen Waldstadion und Neu-Isenburg hören. Das ist durchaus eine Seltenheit, weil er in der Einflugschneise des Frankfurter Flughafens liegt. Normalerweise hört man dort fast im Minutentakt Flugzeuglärm. Aber momentan ist alles anders. Wegen der Corona-Krise landen nur noch wenige Flieger. Der Klang des Waldes dominiert.

Hier, im Süden Frankfurts liegt mit rund 5700 Hektar Fläche nicht nur einer der größten städtischen Forste Deutschlands, sondern auch ein Teil des Frankfurter Grüngürtels. Allerdings ist der Wald momentan nur spärlich grün und eher braun. Abgestorbene Blätter liegen am Boden, Aber an den Buchen treiben schon die Blätter aus und vereinzelt blüht es am Wegesrand weiß.

Die letzten Jahre waren für den Forst hart. Heiße Sommer und wenig Niederschlag setzten der Flora erheblich zu. Bei der Vorstellung des Waldzustandsberichts 2019 im vergangenen Oktober wurde deutlich: Nur drei Prozent der Bäume im Stadtwald sind vollständig gesund. Fast alle der für den Stadtwald so charakteristischen Eichen, sie machen mehr als 30 Prozent des Bestandes aus, weisen Schäden auf. Und selbst eigentlich robuste Sorten wie die Kiefer leiden unter Trockenheit und Hitze. So geschwächte Bäume werden schnell Opfer von Schädlingen wie dem Borkenkäfer oder Pilzen.

Wie trocken der Wald ist, kann man selbst herausfinden. Tritt man, dem charakteristischen Bärlauchgeruch folgend, ein paar Meter in einen Forstweg, so bleiben die Stiefelsohlen sauber. Streicht man mit der Hand über das Moos an einem Baumstumpf, dann ist dieses sogar an der Nordseite trocken. Über das mit der Witterung einhergehende Totholz freuen sich dafür die kleineren Tiere. Hebt man mit dem Taschenmesser die lockere Rinde an einem liegengelassenen Stamm leicht an, kann man einen kurzen Blick auf das Gewusel zahlreicher verschiedener Insekten darunter werfen.

Auch das Jahr 2020 begann wieder sehr warm, allerdings machen die bisherigen Regenfälle Mut. In den letzten Monaten wurden teils deutlich überdurchschnittliche Niederschlagsmengen verzeichnet. Für den im letzten Jahr stark gesunkenen Grundwasserspiegel ein Segen, aber die Lage bleibt insgesamt kritisch.

Dafür ist ein Nachmittag im Wald ein sicherer Segen für jede geplagte Seele. Man ist an der frischen Luft, kann Strecke machen, sich auf eine Bank setzen. Hin und wieder begegnet man Radfahrern, die schnell um die nächste Wegbiegung verschwinden, ein älterer Herr joggt einem entgegen, eine Frau sitzt auf einer Bank und lässt sich die Sonne ins Gesicht strahlen. Die meisten Leute sind alleine unterwegs, nur ab und an begleiten sie Hunde. Social-Distancing nicht aus Pflicht, sondern weil man es selbst möchte. Denn wie schrieb schon Erich Kästner? „Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden und tauscht bei ihnen seine Seele um. Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm.“

Und während man so auf einem Baumstamm sitzend in die lichten Baumwipfel blickt, seufzt man in diesem perfekten Moment mit fränkischem Understatement: „Bassd scho!“ In der Ferne klopft ein Specht.

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