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Heartbeats, Herzklopfen, heißt die Tanzgruppe, die in der Turnhalle der TKK für den Auftritt bei der Kinderfastnacht übt.

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Die Sternensammler in Klein-Krotzenburg

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Die Turnerschaft Klein-Krotzenburg heimst einen Preis nach dem anderen ein. Ihr gelingt es, Menschen für die ehrenamtliche Arbeit zu begeistern. 

Mitgliederschwund, weniger Menschen, die Lust und Zeit haben, ehrenamtlich im Vereinsvorstand oder als Trainer zu arbeiten, die Jungen gehen und nur die Alten bleiben. Ein kleiner Sportverein am östlichen Rand des Kreises Offenbach zeigt, dass dies nicht die Zukunft sein muss. Hier werden sogar 13-Jährige schon Trainerin. 

Für seine guten Ideen bei der Gewinnung von Ehrenamtlichen und neuen Mitgliedern hat die TKK 1882 e.V. im Hainburger Ortsteil Klein-Krotzenburg nun in Berlin den Großen Stern des Sports in Gold erhalten. Es ist die höchste Auszeichnung für den Breitensport in Deutschland. Wir haben uns angesehen, was den Verein so besonders macht.

Mit ihrer Turnhalle jedenfalls kann die Turnerschaft 1882 Klein-Krotzenburg e.V. keinen Staat machen. Das schmucklose Gebäude in der Jahnstraße wurde kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs errichtet, die Wände tragen eine Verkleidung aus Profilhölzern, nur wenig Tageslicht erreicht den grauen Linoleumboden, und die Quecksilberdampflampen, die von der Decke strahlen, können an dem leicht verstaubten Eindruck der Einfeldhalle kaum etwas ändern. 

Im krassen Gegensatz zur Tristesse der Einrichtung steht das bunte, quicklebendige Gewimmel, das über den Hallenboden tobt. Zwei Dutzend Mädchen in Gymnastikschühchen und Leggins, alle so um die acht, neun Jahre alt, lassen ahnen, wie viel Spaß Bewegung machen kann. 

„Am 3. Februar ist Auftritt beim Kindermaskenball“, erklärt Thomas Petzold, der Vereinsvorsitzende. „Bis dahin wird noch kräftig geübt.“ Angeleitet wird das bunte Treiben von zwei Mädchen, die nicht sehr viel älter wirken als die tobenden und wild kreischenden Grundschülerinnen. Aber kaum beginnt eine der beiden zu reden, kehrt Ruhe ein und zwei Dutzend Leggingsträgerinnen stellen sich brav in Reihen vor dem Spiegel auf, ahmen mit Händen und Armen Wellenbewegungen nach und üben die nächsten Schritte der Choreographie. 

Die beiden Trainerinnen sind Marlene Flügel und Maris Petzold. Marlene ist 16, Maris 13, beide sind selbst noch Schülerinnen, kamen vor Jahren über das Turnen zur TKK. Seit ein paar Monaten sind sie ehrenamtliche Sport-Assistentinnen in der TKK 1822 Klein-Krotzenburg. Gelernt haben sie ihren Job von Älteren - und an zwei Wochenenden beim Landessportbund. 

„Es ist manchmal gar nicht so leicht, alles so unter Kontrolle zu halten, damit man erreicht, was man vor hat“, sagt Marlene. „Die Mädchen quietschen schon sehr viel“, ergänzt Maris. Das Trainerin-Sein aber, da sind sie sich einig, macht richtig viel Spaß. Und bringt Verantwortung mit sich. Die Choreographie für den Auftritt austüfteln, entscheiden, welche Geräte für die Turn- und Tanzübungen gebraucht werden, dafür sorgen, dass alles sicher ist, „und man übt, vor einer größeren Gruppe zu sprechen“, sagt Maris. 

„Trainer sein ist cool!“ (Tic) heißt das TKK-Projekt, das Marlene und Maris für das Ehrenamt gewonnen hat. Ziel ist es, Jugendliche zwischen 13 und 16 Jahren anzusprechen, zu schulen und zu Nachwuchstrainern auszubilden. 

„Tic“ ist nur eines von vielen Projekten, die in der TKK zum Erfolg geführt haben. Dazu gehört, junge Frauen in den Vorstand zu holen, sie eine Aufgabe aussuchen zu lassen, die sie gerne übernehmen möchten. Und die Vereinbarkeit von Ehrenamt und Familie zu verbessern. „Deshalb haben wir für alle Funktionen genaue Stellenbeschreibungen erstellt, so dass jeder und jede weiß, welcher auch zeitliche Aufwand damit verbunden ist“, erklärt Petzold. 

Demnächst will der Verein einen Babysitterdienst installieren – „damit junge Eltern, die sich ehrenamtlich engagieren, in Ruhe Abendtermine wahrnehmen können“, sagt Petzold. Noch ein weiteres Projekt hat dazu beigetragen, dass die TKK für ihre Ehrenamtsarbeit ausgezeichnet wurde, das „Reversed Mentoring“. Dabei coachen junge Vorstandsmitglieder die älteren im Umgang mit Messenger-Diensten oder Facebook. Alles zusammen läuft unter dem Titel: Gib mir Dein Talent! 

Einer, der die Modernisierung der TKK wesentlich vorangetrieben hat, ist Petzold. Seit 2013 ist er Vereinsvorsitzender. „Damals waren wir viele Männer, relativ alt, und wenn es um Änderungsvorschläge ging, hieß es, das haben wir doch schon immer so gemacht“, erzählt der 51-Jährige Integrationslotse und Sport-Coach, der bei der Arbeitsagentur Offenbach Firmen und Unternehmen bei der Fachkräftegewinnung berät. Angetreten war er mit einer „Vision“: bis 2025 die Verantwortung auf drei Vorsitzende statt bisher einen zu verteilen, den Verein zu verjüngen und unter die Top-10 der mitgliederstärksten Sportvereine im Kreis Offenbach aufzusteigen. 

Die Zwischenbilanz 2019 kann sich sehen lassen: Es gibt drei Vorsitzende, der Frauenanteil im Vorstand liegt bei 70 Prozent, das Durchschnittsalter bei knapp 39 Jahren, und die Zahl der Mitglieder ist von Januar 2017 bis Juni 2018 um mehr als 18 Prozent gestiegen. Noch einmal knapp 20 Prozent mehr, und auch das dritte Ziel, der Aufstieg in die Top-10, wäre geschafft. „Wir wollen“, sagt Petzold, „als Verein eine Marke werden, in Hainburg und Umgebung die Nummer eins bei den von uns angebotenen Sportarten, und gleichzeitig traditioneller Sportverein sowie Dienstleister auch für Nicht-Mitglieder sein.“ 

Vor drei Jahren hat die TKK „Jumping Fitness“ in ihr Angebot aufgenommen – der Erfolg war riesig. Das Trampolin wird dabei zum Trainingsgerät für Bauch, Beine und Po. Neun Kurse bietet der Verein an für Familien, Kinder, Singles, Junge und Alte. 

Teilnehmen können auch Nicht-Mitglieder, sie zahlen je Stunde acht Euro, Mitglieder sind mit vier Euro für das Zusatzangebot dabei. „Seitdem haben wir 120 neue Mitglieder gewonnen, die mit Jumping angefangen haben und bei uns geblieben sind“, berichtet Petzold. Jetzt denkt er laut darüber nach, ob auch E-Sport etwas für die TKK sein könnte – also Sportspiele am Computer. „Wir müssen uns gut verkaufen, wenn wir eine Zukunft haben wollen“, ist er sicher. 

Erfolgreich Nischen suchen, sich behaupten in einem gesellschaftlichen Umfeld, das geprägt ist durch den Wunsch nach Unverbindlichkeit und Individualismus – also zwei Kategorien, die dem traditionellen Vereinswesen entgegenstehen. „Wer da bestehen will, muss sein Angebot anpassen“, ist Petzold sicher. Dazu gehört, überall dort vertreten zu sein, wo potenzielle Kunden und mögliche künftige Mitglieder unterwegs sind also bei Facebook, Instagram und Co. 

Im Vereinsbüro steht eine ganze Reihe von Auszeichnungen, Urkunden, Trophäen. Besonders schön glänzt der Große Stern in Gold. 20 000 Euro Preisgeld sind so schon zusammengekommen. Immerhin knapp ein Zehntel dessen, was die Sanierung der Halle inklusive neuem Dach, Photovoltaik und Heizung kosten wird. Im Sommer geht es los. 2022, wenn der Verein 140 wird, wird dieser Teil der Modernisierung abgeschlossen sein. Dass dann Schluss ist, scheint bei dem Schwung, der bei der TKK zu spüren ist, wenig wahrscheinlich.

Vereine in Hessen - die Zahlen

Fast 2,1 Millionen Hessen gehören einem Sportverein an. Das ist mehr als ein Drittel der Bevölkerung. Die Zahl der Vereine lag am Stichtag 1.1.2018 bei genau 7629. 

Die Zahl der Mitglieder nahm im Vergleich zum Vorjahr um gut 11 000 zu, ein Plus von 0,5 Prozent. Im gleichen Zeitraum sank die Zahl der Vereine um 45. 

Der größte Sportverband ist der Turnverband mit mehr als 600 000 Mitgliedern. Der Fußballverband zählt 514 000 Mitglieder. An dritter Stelle folgt der Tennis-Verband mit 120 000 Mitgliedern. Weitere sind der Schützenverband (100 000), der Leichtathletik-Verband (98 000) und der Handball-Verband (85 000). 

Die größten Vereine sind die Eintracht Frankfurt (67 500, Stand Januar 2019) und die Turngemeinde Bornheim (30 000, Stand April 2018). 40 Prozent aller hessischen Sportvereine haben weniger als 100 Mitglieder. pgh


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