Stephan Ernst (M), der des Mordes an dem Politiker W. Lübcke angeklagt ist, spricht mit seinen Anwälten Mustafa Kaplan (l) und Jörg Hardies (r), als er im Gerichtssaal zur Fortsetzung seines Prozesses eintrifft.
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Stephan Ernst (M), der des Mordes an dem Politiker W. Lübcke angeklagt ist, spricht mit seinen Anwälten Mustafa Kaplan (l) und Jörg Hardies (r), als er im Gerichtssaal zur Fortsetzung seines Prozesses eintrifft.

Mordfall Walter Lübcke

Stephan Ernst war ein „Pulverfass mit kurzer Lunte“

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Im Lübcke-Prozess schildert ein Arbeitskollege den Hauptangeklagten Stephan Ernst als aggressiv und gewalttätig. „Volksverräter“ habe er am liebsten an die Wand stellen wollen.

Als er sich hinsetzt, hebt der Zeuge kurz die Hand und grüßt zu Stephan Ernst hinüber. Holger M., Mitarbeiter eines Industriebetriebs in Kassel, war mehr als 15 Jahre lang Kollege des Angeklagten. Das ist auch der Grund, warum das Oberlandesgericht Frankfurt ihn an diesem Dienstag als Zeugen vernimmt: Es will mehr über Stephan Ernst wissen, der im Juni vergangenen Jahres den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ermordet haben soll.

Er kenne Ernst, seit der etwa 2003 in die Firma gekommen sei, sagt Holger M. Sein Arbeitsplatz und der des Angeklagten lägen direkt beieinander. Er habe privat nie mit Ernst zu tun gehabt, aber der habe ihn ein paar Mal nach Hause gefahren. Auf der Arbeit sei Ernst zurückhaltend, korrekt und kollegial gewesen, sagt M., er habe seine Arbeit ordentlich gemacht und sei ein „sehr guter Programmierer“.

Holger M. schildert aber auch eine andere Seite des Angeklagten: Ernst sei aggressiv und könne auch „handgreiflich werden“, wenn er wütend sei. Zweimal habe es im Betrieb Schubsereien mit Kollegen gegeben. Er habe keine Angst vor Ernst gehabt, sagt M., „aber Respekt“. Auf Nachfrage bestätigt er frühere Aussagen gegenüber der Polizei, dass Ernst auf ihn manchmal wie ein „Tiger vor dem Sprung“ oder ein „Pulverfass mit kurzer Lunte“ gewirkt habe.

Und dann wird Holger M. zu Ernsts politischer Einstellung befragt. Ernst habe sich im Gegensatz zu den meisten Kollegen sehr für Politik interessiert, sagt der Zeuge. Er habe oft über islamistische Anschläge gesprochen und sich Sorgen um die Zukunft gemacht. Die Bundesregierung habe er „katastrophal“ gefunden. Über Migranten, die keinen Aufenthaltstitel hätten oder kriminell seien, habe Ernst gesagt, man solle sie in ein Flugzeug stecken und über dem Mittelmeer rauslassen. Und „Volksverräter“ gehörten aufgehängt oder an die Wand gestellt.

Ernst habe ihm auch erzählt, dass er in der NPD gewesen sei, AfD-Stammtische besuche und 2018 an einer AfD-Demonstration in Chemnitz teilgenommen habe, sagt M. Bei der AfD gebe es Leute, „die ihn verstehen würden“, habe Ernst dazu gesagt. Einen Mord habe er seinem Kollegen aber niemals zugetraut.

Je länger die Befragung dauert, desto mehr erfährt das Gericht auch über die politischen Ansichten des Zeugen. Auf Nachfrage räumt M. ein, auf Ernsts Anregung hin eine Demonstration der „Kagida“ besucht zu haben, des Kasseler Ablegers der islamfeindlichen Pegida-Bewegung. Ernst habe ihm auch das Video der Bürgerversammlung in Lohfelden gezeigt, bei der Walter Lübcke Pöblern entgegnet hatte, wer nicht für die Werte der Demokratie einstehe, könne das Land verlassen. Diese Worte habe er „unglücklich“ und „grenzwertig“ gefunden, sagt M.

Am Ende räumt der Zeuge ein, dass er im Pausenraum auf der Arbeit die rechtskonservative „Junge Freiheit“ und einmal das rechte „Compact“-Magazin ausgelegt habe. Beide Publikationen habe Stephan Ernst ihm empfohlen, dort werde im Gegensatz zum medialen Mainstream „allumfassend informiert“. Er ordne sich selbst „Mitte-rechts“ ein und sei „regierungskritisch“ eingestellt, so Holger M. „Ich behalte mir das Recht vor, meine eigene Meinung zu haben“, sagt er überzeugt. „Noch ist es möglich.“

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