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Stephan Ernst am Dienstag vor Gericht. Er soll nicht nur Walter Lübcke erschossen, sondern auch einen Flüchtling überfallen haben.

Lübcke-Prozess

Stephan Ernst könnte hinter Messerangriff stecken

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Der Lübcke-Prozess tritt in eine neue Phase ein: In der Beweisaufnahme geht es jetzt um die Frage, ob der Hauptangeklagte Stephan Ernst einen irakischen Flüchtling niedergestochen hat.

Seit Mitte Juni läuft der Strafprozess zum Mordfall Lübcke. Im speziell gesicherten Saal 165 C des Oberlandesgerichts Frankfurt wurde bereits mehr als 20 Tage lang verhandelt. Am Dienstag ging das Verfahren nach fast dreiwöchiger Herbstpause weiter – und trat zugleich in eine neue Phase ein. Denn nachdem bisher der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Juni vergangenen Jahres im Mittelpunkt der Beweisaufnahme stand, geht es nun verstärkt um den Angriff auf den Flüchtling Ahmed I., den ebenfalls der Hauptangeklagte Stephan Ernst verübt haben soll.

Ahmed I. war am 6. Januar 2016 in der Nähe seiner Asylunterkunft in Lohfelden bei Kassel niedergestochen worden. Ein Fahrradfahrer hatte sich dem heute 27 Jahre alten Iraker von hinten genähert und ihm eine drei Zentimeter lange und 4,5 Zentimeter tiefe Wunde am Rücken zugefügt. Ahmed I. musste auf der Intensivstation behandelt werden, er leidet bis heute an den Spätfolgen. Der Generalbundesanwalt wertet den Angriff als versuchten Mord und legt ihn Stephan Ernst zur Last, weil in seinem Keller nach Lübckes Tod ein Klappmesser mit neun Zentimeter langer Klinge gefunden wurde, bei dem es sich um die Tatwaffe handeln könnte. Ernst hat vor Gericht bestritten, etwas mit der Tat zu tun zu haben.

Am Dienstag sagten vor Gericht zwei Sachverständige zu dem Angriff aus. Als ersten hörte der Senat einen Rechtsmediziner aus Gießen an, der Ahmed I. untersucht hatte, nachdem er operiert worden war. Der Stich in den Rücken des jungen Mannes sei mit erheblicher Kraft ausgeführt worden, so der Mediziner. Es sei angesichts des Stichkanals sehr wahrscheinlich, dass es sich bei der Tatwaffe um ein Messer handele – andere spitze Gegenstände wie ein Brieföffner oder eine Schere kämen im Grunde nicht in Betracht. Das bei Stephan Ernst sichergestellte Messer passe zwar grundsätzlich zu der Wunde, eine Zuordnung könne man aber nicht seriös vornehmen, sagte der Gutachter.

Im Anschluss sagte ein Beamter des hessischen Landeskriminalamtes aus, der sich sonst mit dem Abgleich von Gesichtsfotos beschäftigt. Er hatte zwei Fotos untersucht, die am Abend des Angriffs auf Ahmed I. von einer Überwachungskamera aufgenommen worden waren. Auf den unscharfen Bildern ist ein Fahrradfahrer zu erkennen.

Für sein Gutachten hatte der LKA-Mitarbeiter drei Fahrräder von Stephan Ernst fotografiert und die Aufnahmen mit denen aus der Überwachungskamera abgeglichen. Bei einem der Räder könne man nicht ausschließen, dass es auf den Aufnahmen der Überwachungskamera zu sehen sei, so der Sachverständige. Es könne sich aber auch nur um ein ähnliches Fahrrad handeln.

Der bisher stärkste Hinweis darauf, dass Stephan Ernst Ahmed I. niedergestochen haben könnte, war bereits am letzten Verhandlungstag vor der Herbstpause vorgetragen worden. Ein Fachmann für DNA-Analysen hatte an dem bei Ernst gefundenen Messer Anhaftungen gesichert, die er mit einiger Sicherheit Ahmed I. zuordnet. Da das DNA-Material schlecht sei, könne er zwar nicht wissenschaftlich beweisen, dass die Spur von dem Iraker stamme, hatte der Molekularbiologe gesagt. Bei immerhin 16 Merkmalen der DNA-Spur habe man I. aber als Quelle nicht ausschließen können. Außerdem gebe es in der DNA-Spur ein spezielles Merkmal, das in Deutschland sehr selten, im Irak aber häufig vorkomme, hatte der Gutachter ausgeführt.

Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.

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