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Amtsgericht Frankfurt

Steine aufs Philosophicum

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Der Amtsgerichtsprozess gegen einen Steinschmeißer am Philosophicum lädt zu einem Erkenntnisgewinn ein. Dabei wird es ganz schön philosophisch.

Der Student hat seine Verteidigungsstrategie fast schon philosophisch gewählt. Er sagt nicht, dass er nichts weiß, aber er weiß, dass er nichts sagt. Der Staatsanwalt sagt, „ein Großer und ein Kleiner“ hätten in der Silvesternacht 2016 einen Stein und eine Flasche auf das Philosophicum am Bockenheimer Campus geworfen und das denkmalgeschützte Gebäude mit Hammer und Sichel besprayt. Der Kleine habe gesprüht, der Große habe geworfen. Schaden: etwa 1000 Euro. Der Student ist der Große. Der Kleine ist heute nicht da.

Gegen einen Strafbefehl über 80 Tagessätze à 30 Euro hat der große Student Einspruch eingelegt, wohl eher so aus Prinzip und Tradition. Ein paar politische Freunde sind am Montagfrüh zur Unterstützung am Amtsgericht erschienen. Es müssen sehr gute Freunde sein, denn der Prozess beginnt sehr früh.

Ein Sicherheitsmann der Uni sagt im Zeugenstand aus. Er ist eigentlich gar kein Sicherheitsmann, sondern nach eigenen Angaben „normal Blumenbinder“. In jener Silvesternacht habe er versucht, die Blumen des Bösen in Bande zu legen, die große und die kleine, weil die das Philosophicum beworfen und mit linksradikalen Symbolen verunziert hätten. Er habe das aber nicht geschafft, er sei „ein alter dicker Mann“ (60), letztlich habe ein jüngerer, schlankerer Passant die beiden flüchtigen Blumen gezupft und so lange festgehalten, bis die Polizei sie beschnuppern konnte.

Das Zeug zum Philosophen hat der Blumenbinder aber auch, zumindest beantwortet er die Fragen der Verteidigerin dementsprechend. „Was wurde zuerst geworfen – die Flasche oder der Stein?“ „Die Flasche!“ „Wie haben Sie das Geschehen auf dem Monitor beobachtet?“ „So wie Sie zu Hause fernsehen.“ „Was sind linksradikale Symbole?“ „Hammer und Sichel etwa.“ Als die Verteidigerin wissen will, ob der Blumenbinder nach dem Steinwurf den linken oder rechten Durchgang gewählt habe, um vom Monitor zum Tatort zu gelangen, antwortet der Blumenbinder so, wie alte dicke Philosophen das tun: „Ich habe nicht die geringste Ahnung, was Sie von mir wollen.“

Keine weiteren Fragen. Bevor der Blumenbinder den Saal verlässt, wünscht er dem Studenten „noch viel Spaß“. Dieser scheint fast zu lachen. Lachen, sagt Nietzsche, „bedeutet schadenfroh sein, aber mit gutem Gewissen“. Auch eine Art Verteidigung.

Der Sicherheitsmann der gar kein Sicherheitsmann ist

Der zweite als Zeuge geladene Sicherheitsmann ist eigentlich auch kein Sicherheitsmann, sondern „Brandschutz“. Das kleine Loch, das vermutlich die zuerst geworfene Flasche in der Glasscheibe des Philosophicums hinterlassen habe, sei bis heute nicht repariert, sagt der Brandschutz. Zumindest nicht bis gestern, da habe er zum letzten Mal nachgeguckt. Aber gebrannt habe das Loch auch nicht. Einig sind sich Blumenbinder und Brandschutz, dass der Schmeißer von einst heute auf der Anklagebank sitzt.

Zu seiner Person lässt sich der Student ein klein wenig ein. Er studiere mittlerweile im 13. Semester. Die Antwort auf die Frage nach der Fachrichtung beantwortet er sibyllinisch: „Ist doch irrelevant.“ Wie lange er noch zu studieren gedenke? „Weiß ich noch nicht.“ Bafög, Unterstützung der Eltern? „Alles abgelaufen!“ In seinem letzten Wort schwingt er sich dann noch einmal in lichte Geisteshöhen auf. Ob er noch ein letztes Wort sagen wolle, fragt der Richter; „Nein!“, antwortet der Student – eine mustergültige contradictio in adiecto.

Und daher wird der Student am Ende wegen Sachbeschädigung zu 90 Tagessätzen à 25 Euro verurteilt. Der Tagessatz ist geringer als im Strafbefehl, weil Bafög und alles abgelaufen ist. Die Anzahl der Tagessätze ist höher, weil ein Strafbefehl von einer „Geständnisfiktion“ ausgeht, also einer strafmindernden Einsicht des Missetäters in seine Missetat, von der bei dem Studenten nun wirklich keine Rede sein kann. Laut Publilius Syrus ist ja auch erst „des Zornes Ende der Reue Anfang“, und trotz seiner 13 Semester ist der Student noch ein zorniger, leidlich junger Mann (27).

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