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Nicolai Friedrich begann mit vier Jahren mit dem Zaubern.

Alte Oper

Moderne Zauberei ohne Knalleffekte

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Der Friedrichsdorfer Mentalmagier Nicolai Friedrich macht Stefan Raab sprachlos. In Indien ist er sogar ein gefeierter Star. Im Februar zeigt er seine Kunst in der Alten Oper.

Stefan Raab rollt auf seinem Stuhl hin und her. Er stellt dem Friedrichsdorfer Mentalmagier Nicolai Friedrich immer wieder die gleiche Frage: „Und wie geht das jetzt?“ Raab lächelt. Dieses typische ehrgeizig-verzweifelte Lächeln, das er sonst aufsetzt, wenn er mal verliert oder ratlos ist. In dem Fall wurmt es ihn, dass er sich den eben gezeigten Trick von Friedrich nicht mal annähernd erklären kann.

In der Show vor wenigen Wochen hatte Raab ein junges Pärchen aus dem Publikum ausgesucht. Die junge Frau schließt die Augen und soll immer nicken, wenn der Mentalmagier Friedrich ihre Hände mit einer Feder berührt. Das tut sie auch. Nur, dass er gar nicht ihre Hände berührt, sondern die ihres Freundes, der ein ganzes Stück von ihr weg steht. Raab, die Zuschauer im Saal und die vor dem Fernseher, aber auch das Paar selbst bleiben irritiert zurück.

Friedrich ist groß und schlank. Er trägt eine coole Neu-Interpretation der Prinz-Eisenherz-Frisur und Glitzer-Jackett zu zerrissener Jeans. Der 39-Jährige lehnt sich entspannt auf der legendären braun-speckigen Couch zurück, lächelt und sagt nur: „Stefan, das Schöne am Zaubern ist der Zauber.“ Es ist im Laufe seiner Karriere bereits sein vierter Besuch bei Raabs „TV Total“. Fernseherfahrung hatte er schon vorher: Als Finalist zauberte er 2008 bei der TV-Show „The Next Uri Geller“. Ein Jahr später gewann Friedrich in Peking den Titel „Bester Mentalmagier der Welt“.

Während er in Deutschland meistens bei Firmenevents auftritt, füllt er in Indien regelmäßig große Theater. „Bis zu 1500 Leute kommen pro Abend.“ In den vergangenen zwei Jahren hatte er alleine in Indien über 60 Auftritte, erzählt er. Überlebensgroße Plakate von Friedrich hängen in Mega-Städten wie Mumbai an den Hochhausfassaden. Als er eins davon zum ersten Mal sah, bat er den Taxifahrer ein Foto von ihm vor dem Plakat zu machen, weil es ihm so „absurd“ vorkam. Sogar Bollywood-Stars outeten sich als seine Fans. Dass er in Indien ein Star ist, entstand durch einen Zufall: „Ich bin in Deutschland auf einem Firmenevent aufgetreten und unter den Gästen war ein indischer Unternehmer.“ Dieser Herr war so begeistert, dass er ihn nach Indien auf seine Firmenfeier einlud. Von da an ging der Hype um seine Person in Indien los.

„Meine indische Agentur wollte mir auch so eine Bollywood-Tänzerin aufschwätzen, aber das wollte ich nicht“, erzählt Friedrich und lacht. Über seinen Erfolg sagt er: „Ich grenze mich ganz klar von den indischen Zauberern ab: Frauenzersägen gibt es bei mir nicht.“ Überhaupt „Old-School-Zaubertricks“ sind nicht sein Ding. „Und auch Las-Vegas-Style mit Knalleffekten und Feuer wie bei den Ehrlich Brothers tauchen in meinen Shows nicht auf. Ich versuche eine moderne und puristische Form der Zauberkunst auf die Bühne zu bringen.“ Mentale Magie sei eine Mischung aus Psychologie, Suggestion und Zauberkunst.

„Selbst Zauber-Kollegen macht es verrückt, dass sie nicht wissen, wie der Trick mit der Feder geht“, erzählt Friedrich wenige Tage nach der Raab-Show in einem Frankfurter Café. Er trägt einen weißen Norweger-Pulli. „Die Geheimnisse sind meist ernüchternd simpel. Das Schwierige ist, einen Trick zu erfinden und zu entwickeln.“

25-jähriges Bühnen-Jubiläum

Star-Magier David Copperfield kaufte ihm die US-TV-Exklusivrechte für seinen Trick „Das Lächeln der Mona Lisa“ ab. Diese Nummer läuft so ab: Leonardo da Vinicis Gemälde steht als eingerahmtes Puzzle auf der Bühne. Es fehlt nur ein winziges Puzzleteil, um Mona Lisas Lächeln perfekt zu machen. Ein per Zufall ausgesuchter Zuschauer öffnet ein noch verschlossenes Ravensburger-Puzzle mit 1000 Puzzlestücken. Alle sind verschieden. Aber Friedrich schafft es, dass der Zuschauer sich für das Richtige aus dem Plastikbeutel entscheidet.

„Ich bin 1999 – da war ich erst 23 – im Magic Castle, einem renommierten Privatclub für Zauberer in Hollywood, aufgetreten. Dort hat mich ein Berater von Copperfield gesehen.“ Kurz darauf war Copperfield in Deutschland auf Tour und Friedrich wurde nach Stuttgart eingeladen. Zur Show und Backstage. „Copperfield sagte: ‚Ich habe von deinem Kunststück gehört, schick mir doch bitte ein Video davon nach Hollywood.‘“ Wenige Wochen später klingelte Friedrichs Handy. „Hi, hier ist David Copperfield. Ich will deinen Trick machen.“ Friedrich war gerade auf Höhe des Interconti Hotels in Frankfurt. „Ich bin rechts rangefahren und dachte: ‚Wer veräppelt mich?‘ – Ich dachte nie, dass David Copperfield persönlich anruft.“ Bis heute stehen die beiden in Kontakt. Das Witzigste sei gewesen, dass Friedrichs Mutter, die auch seine Managerin ist, es irgendwie geschafft habe, Copperfield die Handynummer zu übermitteln: „Obwohl sie gar kein Englisch spricht.“ Friedrich lacht.

„Meine Mama ist härter als normale Manager.“ Vor vielen Jahren habe sie das Büro des Star-Opernsängers Ivan Rebroff gemanagt. „Rebroff hat mal zu ihr gesagt: ‚Ich hatte nie so viele Auftritte wie zu der Zeit, als du meine Managerin warst.‘ “

Am 21. Februar feiert Friedrich, der in Offenbach geboren und in Karben aufgewachsen ist, in der Alten Oper Frankfurt sein 25-jähriges Bühnenjubiläum. „Eigentlich ist die Zahl gelogen. Ich habe ja schon mit vier Jahren angefangen zu zaubern und bin nun schon 39. Aber ich habe die Zeitrechnung erst ab 16 Jahren angefangen. Denn erst ab da war meine Zauberkunst vorzeigbar.“ In diesem Teenager-Alter wurde er bereits in den Magischen Zirkel, die internationale Vereinigung von Zauberkünstlern, aufgenommen.

Seine magischen Talente seien nicht genetisch vorbestimmt. „Eigentlich wollte ich wie mein Vater Pilot werden. Oder Jedi-Ritter. Naja, so etwas Ähnliches bin ich jetzt wohl.“ Den ersten Zauberer seines Lebens sah er im Zirkus.

Auf einem Foto ist sein erster Trick festgehalten: „Da habe ich mit vier Jahren eine Styroporkugel schweben lassen.“ Retro-Momente will er auch in seiner Show in der Alten Oper zeigen.

Die Zauberkästen stapelten sich im Kinderzimmer. Und dann kam die Geburtstagsfeier eines Freundes seines jüngeren Bruders, bei der ein Zauberer auftrat. Nach der Show gingen alle Kinder. Bis auf den sechsjährigen Nicolai. „Ich blieb sitzen. Der Zauberer wollte abbauen, mich loswerden, aber ich blieb stur: Ich wollte unbedingt wissen, woher er seine Tricks, die deutlich besser waren als die aus meinen Zauberkasten, hatte.“ Der Zauberer antwortete nicht und drückte ihm seine Visitenkarte in die Hand. „Ich habe ihn täglich angerufen und immer wieder die gleiche Frage gestellt.“ Irgendwann war der Zauberer wirklich genervt und rief Friedrichs Mutter an: „Ihr Junge soll aufhören mich anzurufen.“ Seine Mutter schaffte es, den Zauberer zu überzeugen, dass ihr Sohn tatsächlich ernsthaftes Interesse an der Zauberei hatte. „Und erst dann nannte er ihm die Adresse von einem Versandkatalog für Zauberer. Der Bestellkatalog wurde zu seiner „Kinderbibel“ und das komplette Taschengeld investierte er in Zauberzubehör.

Erst zauberte er vor der Familie, dann bei Kindergeburtstagen und anderen Familienfesten in der Nachbarschaft. „Bis heute ist Mund-zu-Mund-Propaganda die wichtigste Auftrittsquelle.“

Zur Beruhigung seiner Mutter schloss er Jura mit zwei Prädikatsexamen ab. Aber schon während des Studiums an der Frankfurter Goethe-Uni trat er weiter auf. In Mainz machte Friedrich seinen Master mit Schwerpunkt Medienrecht. Da er so gut als Magier gebucht wird, braucht der Friedrichsdorfer keinen Broterwerbsberuf.

„Ich übernehme nur manchmal Fälle, die mich interessieren. Das Rechtsanwaltsleben hat immer was mit Ärger zu tun. Mein Beruf als Mentalmagier ist schöner und ich bekomme Applaus. Das ist vor Gericht eher selten.“ Er lacht.

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