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Stefan Grüttner vor dem Büsingpalais, für dessen Wiederaufbau sich die CDU eingesetzt hatte. Bild: Monika Müller

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Stefan Grüttner: Drei Jahrzehnte für Offenbach

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Stefan Grüttner hat als Parteichef nicht nur die Offenbacher CDU geprägt, sondern auch die Stadt. Jetzt hört er auf. Auf dem Parteitag am Samstag soll sein Nachfolger gewählt werden.

Es war eine tolle Zeit“, sagt Stefan Grüttner. 26 Jahren war er Chef der Offenbacher CDU und damit länger im Amt als alle seine Vorgänger. Das war anfangs kaum zu erwarten gewesen. Denn Grüttner erlebte zunächst turbulente Zeiten. Erst tobte in der Partei jahrelang ein Machtkampf. Dann herrschte Geschlossenheit, aber alle OB-Wahlen gingen verloren. Und nachdem er 1997 die Koalition mit der SPD platzen ließ, dauerte es 19 Jahre, bis die CDU wieder mitregieren konnte.

Beim morgigen CDU-Parteitag tritt er nicht mehr an. Der sechsmal direkt gewählte Landtagsabgeordnete, ehemalige Chef der Staatskanzlei, Sozialminister und Diplom-Volkswirt hört auf. Freiwillig. Sein Nachfolger soll der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Andreas Bruszynski werden. Vor seinem fast endgültigen Abschied aus der Politik (er ist noch Delegierter) zog der 63-Jährige im FR-Gespräch Bilanz. Aber erst, nachdem er dem Hund der Mitarbeiterin in der Geschäftsstelle ein Leckerli gegeben hatte.

Grüttner hatte anfangs mit vielen Widerständen zu kämpfen. Sein Förderer und Vorgänger als Parteichef, Herrmann Schoppe, der ihn von Wiesbaden nach Offenbach geholt hatte, galt als Hardliner. Ihm wurde nachgesagt, die Partei wie eine Kompanie zu führen. Manchen in der CDU galt er auch nach seinem Abschied als heimlicher Vorsitzender. „Das war aber nicht der Fall“, sagt Grüttner.

Schoppe hatte ihn als Nachfolger vorgeschlagen, weil er dem 36-Jährigen, damals Sozialdezernent, zutraute, „die Partei zu führen, zu motivieren und zu integrieren“. Ist ihm das gelungen? Ja, antwortet Grüttner. Sonst wäre er nicht 26 Jahre Parteichef gewesen.

Zunächst sah es nicht danach aus. Der Streit in der Parteispitze war zunächst heftig. Als Grüttner 1994 Parteichef wurde, herrschte seit drei Jahren mit den früher heftig bekämpften Sozialdemokraten eine große Koalition, in der sich die CDU nicht profilieren konnte. „Wir hatten die Rolle des Juniorpartners.“ Das wollte Grüttner ändern. Er beendete kurz vor der Kommunalwahl die große Koalition und manövrierte die CDU damit in die Opposition, in der sie bis 2016 verharrte. Der Noch-Parteichef hält die Entscheidung auch im Rückblick für richtig. Er habe damals aber nicht damit gerechnet, dass es so lange dauern würde, bis die CDU wieder verantwortlich Kommunalpolitik gestalten könnte.

Der Streit innerhalb der lange auf Geschlossenheit getrimmten Partei eskalierte 1999, als Ex-Bürgermeister Klaus Bodensohn (CDU) kurz vor der OB-Wahl öffentlich den politischen Kurs seiner Partei kritisierte und erkennen ließ, dass er den SPD-Kandidaten Gerhard Grandke für geeigneter hielt als den CDU-Bewerber. Es folgte ein Parteiausschlussverfahren, das sich vier Jahre lang bis zum Bundesparteigericht hinzog, das den Rausschmiss ablehnte.

Grüttner beschönigt die Probleme nicht, betont aber, die restlichen 20 Jahre seien „sehr harmonisch verlaufen“. Seinen Führungsstil beschreibt er als „eher kooperativ, aber durchaus auch mit Entscheidungsfreude“. Es gebe in der CDU ein hohes Maß an Geschlossenheit bei „ausgeprägter interner Diskussionskultur“.

Dass die CDU während seiner Amtszeit keine OB-Wahl gewonnen hat, wurmt ihn. Er selbst unterlag bei der ersten Direktwahl 1994 Grandke. Auch der Verlust des Direktmandats, das bei seiner siebten Kandidatur für den Landtag 2019 unerwartet sein Offenbacher Kabinettskollege Tarek Al-Wazir (Grüne) holte, sei ein Rückschlag gewesen. Damit habe er nicht gerechnet, sagt Grüttner. Wenig später verlor er nach 16 Jahren auch sein Ministeramt.

Ihn scheint der Abschied von den Schalthebeln der Macht nicht mehr zu grämen. Im Gespräch wirkt er entspannt und mit sich im Reinen. Vielleicht hat das mit dem zeitlichen Abstand und damit zu tun, dass er nun mehr Freizeit hat als früher. Die nutzt er für Reisen, auch spontan fährt er mit seiner Frau jetzt mal weg: „Das ist eine neue Erfahrung.“ Als einen der erfreulichsten Momente seiner Amtszeit bezeichnet er das Zustandekommen der Koalition von CDU, Grünen, FDP und Freien Wählern 2016. „Das war mein Werk.“ Als er gemerkt habe, dass die früheren Partner der SPD frustriert über deren Arroganz gewesen seien, habe er die Initiative ergriffen. Die Maxime, Verhandlungen „auf Augenhöhe zu führen“ und dies auch bei der Besetzung der Dezernatsposten zu berücksichtigen, habe den Erfolg ermöglicht.

Grünen-Sprecherin Birgit Simon sagt auf Anfrage, sie habe Grüttner als konstruktiv und lösungsorientiert erlebt, auch und gerade, wenn es Meinungsverschiedenheiten gegeben habe. CDU-Fraktionschef Roland Walter bescheinigt dem gebürtigen Wiesbadener, dessen fundierte Kenntnis der Offenbacher Verhältnisse seien neben seinem politischen Instinkt die Basis für das Gelingen der Koalition gewesen.

Auch Ex-OB Horst Schneider (SPD), einst politischer Gegenpart, findet lobende Worte. Grüttner sei ein absoluter Politprofi, der in Wiesbaden eine erstaunliche Karriere hingelegt habe, „obwohl er aus einem kleinen CDU-Stadtverband kam“. Sehr geschätzt habe er dessen großes Engagement als Sozialminister während der Flüchtlingskrise 2015.

Schneider kritisiert, Grüttner habe nach dem Ende der großen Koalition, zu deren Ende er, Schneider, mit beigetragen habe, die CDU in eine harte Abgrenzung zur neuen Mehrheit positioniert. „Das hat Offenbach und der politischen Kultur nicht gutgetan.“

Auch wenn Grüttner ab Samstag nicht mehr Parteivorsitzender sein wird, will er sich in der CDU weiter einbringen. Für die Kommunalwahl 2021 formuliert er ein klares Ziel. „Wir wollen stärkste Kraft werden und erreichen, dass es ohne ein Bündnis mit uns keine andere Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung gibt.“

Von Agnes Schönberger

Andreas Bruszynski wurde zum neuen Vorsitzenden der CDU Offenbach gewählt. Er löst Stefan Grüttner nach 26 Jahren im Amt ab.

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