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Dirk Baum spielt Ijon Tichy und dessen Wahn-Egos.

Komet Lem in Darmstadt

Wahn und Wirklichkeit

Stanislaw Lem gilt als Visionär der Apokalypse. Mit Figurentheater, einer Ausstellung und Gesprächen gewährt das Festival „Komet Lem“ in Darmstadt Einblicke in dessen düsteren Kosmos.

Von Boris Halva

Ijon Tichy weiß irgendwann nicht mehr, wer er eigentlich ist. Die Drogen setzen ihm zu. Mal steckt er im Körper eines verrückten Professors. Dann ist er eine exaltierte Diva. Und dann wieder Ijon Tichy, Kosmonaut und Gast eines Kongresses, irgendwo in Lateinamerika, in irgendeinem Land, das von einer fiktiven Militärdiktatur regiert wird. Die Menschen werden mit Halluzinogenen gefügig gemacht. Bekommen Psychopharmaka, wenn sie sich verlieben. Oder eine andere Droge verabreicht, damit sie sich verlieben.

Wahn und Wirklichkeit verschwimmen. Wie so oft bei Stanislaw Lem. Und wie so oft bei visionären Autoren – Aldous Huxley, Isaac Asimov oder Ray Bradbury sind nur die großen Namen – wird ihr Werk von der Wirklichkeit eingeholt, jedenfalls teilweise. Oder im besten Falle: nur teilweise.

Ob nun düster oder visionär: Mit Lems Wirken und Werken befasst sich das Festival „Komet Lem“ in Darmstadt, das am 28. Januar eröffnet wird und bis 5. März läuft. Eine Ausstellung im Foyer des Staatstheaters, Lesungen, Diskussionsrunden und Theateraufführungen gehören zum Programm.

Eines der eher kryptischen Werke Lems hat das Theater der Jungen Welt in Leipzig ins Hier und Jetzt geholt und für drei Puppenspieler arrangiert: „Der futurologische Kongress“ ist ein Gastspiel am Staatstheater. Dirk Baum spielt den Kosmonauten Ijon Tichy und dessen Wahn-Egos, den verrückten Professor und die Diva. Puppe und Spieler sind gemeinsam auf der Bühne, interagieren, sehen sich auf etwas unheimliche Art sehr ähnlich. Was beabsichtigt ist. Wahn und Wirklichkeit eben.

„Die Figur Ijon Tichy befindet sich ja permanent in einer Halluzination, die nur wie Realität wirkt. Und das lässt sich mit Puppen sehr gut umsetzen“, sagt Dirk Baum, der eigentlich Schauspieler ist, aber seit 30 Jahren vor allem Puppen spielt. Im Grund seien es zwei Ebenen, die den Kongress als Puppenspiel so intensiv machten, sagt der 54-Jährige: das Psychologische und das Visuelle. Die Beklemmung der Figur wird stärker, je häufiger Tichy im Wahn die Gestalt wechselt. Aber wenn der Kosmonaut die Illusion gegen Ende nicht mehr erträgt, erklärt Baum, dann kommt der Mensch auf der Bühne ins Spiel. „Wenn der Tichy für sich als einzigen Ausweg sieht, diese Welt zu verlassen, dann verlässt er auch die Puppe.“ Und dann steht Dirk Baum im Licht, „denn Herr Baum kann weinen, kann seine Haut bewegen“. Die Puppe kann das nicht.

Was die Puppe und ihr Spieler auch nicht können: die Komplexität des futurologischen Kongresses gänzlich entwirren und dem Publikum die Essenz des Anfang der 1970er Jahre publizierten Werks präsentieren. „Es ist schon sehr kryptisch“, gesteht Baum, „da ist die Umsetzung nicht so einfach.“ Aber während der Proben seien dem Ensemble – Baum spielt das Stück mit Alicja Rosinski und Winfried Reach – doch immer mehr aktuelle Bezüge aufgefallen. „Das Internet und die virtuelle Welt sind zwei Aspekte, die damals schon angedeutet waren – und jetzt sieht man, dass vieles davon Realität geworden ist.“

Oder sogar noch groteskere Züge angenommen hat, als Lem, Bradbury und Co. jemals vermutet hätten: „Die Manipulation des Einzelnen“, sagt Baum, „das war damals noch nicht so präsent.“ Oder eben nicht so einfach und allgegenwärtig wie heute, da das Virtuelle die Realität immer mehr durchwirkt.

Angesichts dessen wird die Puppe in der Hand, ob nun Kasperl oder Kosmonaut, zu einer Art Manifest, einem Verweis auf die alte Welt, einer Brücke in die Welt der Fantasie jenseits von animierten Abenteuern und 3D-Spezialeffekten. Es ist Handwerk, die Effekte entstehen im Hier und Jetzt. Puppenspiel ist Theaterarbeit, in deren Verlauf ein Ding zu leben beginnt, Leben eingehaucht bekommt. Dirk Baum genießt das Sein als Puppenspieler – „ein feudaler Beruf“, wie er sagt – , denn „man sitzt in einer Nische, man ist ein Narr und es ist viel spannender, als nur mit mir auf der Bühne zu spielen“.

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