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Dirk Lorchheim, Leiter der Mechanikwerkstatt der Universität Kassel, mit einem Fahrzeugbauteil aus Alu.

Wirtschaft

Der Spezialist für Sonderwünsche

Uniwerkstätten bauen, was es in keinem Baumarkt gibt, damit Forscher forschen können.

Wer zu Martin Schwesig und seinen Mitarbeitern kommt, hat oft sonderbare Wünsche: ein Labyrinth für Roboter, ein Fußballtor mit Sensoren, Teile für eine historische Schuhnagelmaschine. Einige Kunden kommen mit Bauplan – aber ohne Erklärung. „Manchmal wollen sie gar nicht, dass wir wissen, was das ist“, sagt Schwesig. Das Projekt sei dann geheim. Erfüllt werden ihre Wünsche in der Regel trotzdem – denn Spezialanfertigungen gehören in den Werkstätten der Uni Kassel zum Alltag.

Für Forscher an Hessens Universitäten sind diese Einrichtungen unverzichtbar. Was Wissenschaftler für ihre Versuche brauchen, gibt es meist in keinem Baumarkt. „Im Normalfall werden hier sinnvolle Sachen gemacht, die man nicht kaufen kann“, erklärt Schwesig. Er ist Geschäftsführer der Uniwerkstätten in Kassel. „Sinnvoll“ bedeutet: keine großen Serien von einfachen Teilen. Denn die lassen sich meist günstiger bei Unternehmen bestellen.

Wird es dagegen kompliziert, sind die Wissenschaftler in den Werkstätten richtig. Dort gibt es Spezialisten für Elektronik, Mechanik, auch eine Schreinerei und Glastechnik-Werkstatt sind vorhanden. Die Werkstätten orientieren sich am Bedarf. „Es gab auch mal ein Fotolabor und eine Druckerei“, sagt Schwesig. Doch das rechnete sich irgendwann nicht mehr. Dafür wuchsen andere Bereiche.

34 besetzte Arbeitsstellen gibt es momentan in den Uniwerkstätten Kassel. Die Jobs sind so spezialisiert, dass es wenig Schnittmengen mit dem Handwerk gebe. Konkurrenz bei der Mitarbeitergewinnung seien eher spezialisierte Unternehmen. Die Bandbreite der produzierten Objekte zeigt Dirk Lorchheim, Leiter der Mechanikwerkstatt: ein verzerrungsfreier mit einem Diamanten auf Hochglanz gefräster Spiegel für die Astrophysik; mehrere Kugellager mit unbekanntem Zweck, Teile für eine historische Maschine zum Schuhenageln – Grundlage war eine alte Patentzeichnung. Dabei kommen die Forscher in der Regel mit einer Konstruktionszeichnung und einem digitalen 3D-Modell in die Werkstatt. Die Mitarbeiter machen daraus dann ein Programm, bevor das Objekt an der Fünf-Achs-Fräsmaschine aus einem Alublock hergestellt wird.

Was Wissenschaftler in den Werkstätten bestellen, müssen sie sich gut überlegen. Denn es kostet die Fachbereiche Geld – der Preis wird intern verrechnet. Die Werkstätten wiederum müssen einen Teil ihrer Kosten aus den Einnahmen generieren. „Das ist ein gutes Steuerungsinstrument, weil man sich viel mehr Gedanken macht, wofür man die Fachkräfte einsetzt“, sagt Schwesig. Kunden von außerhalb der Uni kommen eher selten. Für sie gelten andere und viel höhere Preise. Komplett selbst finanzieren müssen sich die Werkstätten nicht. „Es geht um Forschungsinfrastruktur“, erklärt Schwesig.

„Ohne die dort passgenau hergestellten Sonderanfertigungen wären viele Projekte – von Abschlussarbeiten bis hin zu aufwendigen Forschungsprojekten – gar nicht möglich“, erklärt auch Lisa Dittrich, Sprecherin der Justus-Liebig-Universität Gießen. Die Bedeutung wissenschaftlicher Werkstätten sei für die Uni nach wie vor sehr hoch. In Gießen wurden vor rund zehn Jahren die ursprünglich 22 wissenschaftlichen Werkstätten einer gründlichen Prüfung und Neuorganisation unterzogen. „Im Zuge dessen ist die Zahl der Standorte deutlich reduziert worden.“ Elf sind es noch, sie haben 30 Mitarbeiter. Die Reduzierung der Werkstätten sollte mehr Erfahrungsaustausch, Zugang zu einem erweiterten und modernisierten Maschinenpark sowie zu Spezialwissen ermöglichen.

Die Bandbreite und Organisation der Werkstätten variiert je nach Uni. In Frankfurt seien die Werkstätten den Instituten zugeordnet, sagt Joachim Feuchter, koordinierender Werkstattleiter der Goethe-Universität. So gibt es in der Werkstatt des Institutes für Geowissenschaften eine Kristallografie, in der unter anderem Kristalle gezüchtet werden. In der Werkstatt des Instituts für Atmosphäre und Umwelt werden spezielle Messaufbauten für Stratosphärenflüge realisiert.

Um die Wünsche ihrer Kunden zu erfüllen, müssen die Uniwerkstätten auf dem aktuellen Stand der Technik sein – oder sogar voraus. In Kassel wird demnächst in den Metall 3D-Druck investiert. Der erlaubt dann noch abgedrehtere Formen: Möglich sei ein Hohlkörper mit glatter Oberfläche außen und Wabenstruktur innen – um ihn noch leichter zu machen. (dpa)

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