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Spenden für die Kunst

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Von: Regine Seipel

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Der Innenhof könnte Platz für Veranstaltungen bieten.
Der Innenhof könnte Platz für Veranstaltungen bieten. © Bildarchiv Foto Marburg / Horst Fenchel

Marburger engagieren sich für die Wiedereröffnung eines Museums, das schon 1927 nur durch bürgerschaftliches Engagement möglich wurde.

Die Fassade ist schon fertig. Ein neuer Anstrich, restaurierte Sprossenfenster, ein breiter Treppenaufgang, an dem nur noch die Rampe für Rollstuhlfahrer fehlt. Wer sich auskennt, entdeckt unterhalb der Fenster Symbole der Anfangszeit: Stadtwappen von Frankfurt, Fulda und Kassel, an der frisch gestrichenen Tür Zeichen der Handwerker und Bürger. Sie alle haben mitgeholfen, als die Philipps-Universität in Marburg 1927 zu einem Kunstmuseum kam. Damals, zur 400-Jahrfeier wurde das Ernst-von Hülsen-Haus übergeben, Institute der Kunstwissenschaft und ein Konzertsaal zogen ein. Dank des breiten bürgerschaftlichen Engagements hatte die Stadt Marburg fortan ein Kulturzentrum, das großen Rückhalt in der Bevölkerung genoss.

So soll es wieder werden. Seit 2011 ist das Kunstmuseum geschlossen, das denkmalgeschützte Gebäude benötigte eine grundlegende Sanierung. Das Dach war undicht, die Haustechnik veraltet, der Platz vor dem Eingang mit einer Betonunterführung verschandelt. Christoph Otterbeck, Direktor des Museums für Kunst- und Kulturgeschichte, zu dem Kunstmuseum und Residenzschloss gehören, zeigt auf den neu angelegten Gehweg in Richtung Landestheater und schwärmt von der Kulturmeile, die derzeit zu Füßen der Altstadt entsteht. Der Kunstverein ist in der Nähe, der alternative Kulturladen KFZ, die Volkshochschule, die Straße wird auf zwei Fahrspuren verengt. Besucher, die nach Marburg kommen, sollen künftig nicht nur durch die hübschen Altstadtgassen zum Schloss hinaufschlendern, sondern auch zeitgenössische Kunst in einer zeitgemäßen Präsentation genießen. Otterbeck, der das Museum seit 2012 leitet und vorher unter anderem im Frankfurter Museum Giersch eine Ausstellung zum Expressionismus kuratierte, ist mit dieser Aufgabe angetreten: „Wir wollen ein Museum für alle werden“, sagt er. Auf 1500 Quadratmetern und vier Etagen vom Untergeschoss bis unters Dach werden neben den renovierten Ausstellungsräumen großzügige Bereiche für Kunstvermittlung, Museumspädagogik, Werkstätten und Veranstaltungen entstehen.

Das wird aber noch dauern. Zwar hat das Land Hessen die Kosten für die Außenrenovierung von rund fünf Millionen Euro übernommen, doch die denkmalgerechte Innensanierung, deren Kosten auf rund 3,5 Millionen Euro beziffert werden, muss die Universität als Trägerin des Museums aufbringen. Das geht nicht allein. Wie damals müssen Bürger helfen. Mit einer großangelegten Spendenkampagne „Kunst braucht Raum“ sollen 1,25 Millionen Euro zusammenkommen. Knapp die Hälfte sei schon geschafft, sagt Iris Rubinich von der Stabsstelle Fundraising und Alumnni-Service der Uni Marburg: „Wir haben Bergfest-Gefühl.“

Sie ist derzeit auf allen Ebenen aktiv, trommelt fürs Museums-Waffelbacken, Wohltätigkeitskonzerte und bei großen Geldgebern, die Raumpatenschaften übernehmen. Es trifft sich gut, dass das Haus über viele kleine Kabinette verfügt, Patenschaften also für vierstellige Summen genauso erworben können wie für das Glanzstück, den 150 000-Euro-Saal, der derzeit noch vergeben werden kann. Marburger Unternehmerfamilien engagieren sich, doch auch kleine Summen helfen. So hat sich eine Initiative Marburger Frauen gebildet, von denen jede 100 Euro spendete und die schnell auf 250 Frauen anwuchs. Ihnen wird künftig der Raum der Kunstfreundinnen gewidmet. Iris Rubinich ist derzeit auch häufiger mit rosa Schweinchen aus Pappmaché anzutreffen. Die haben Kinder der Kunstwerkstatt gebastelt.

Jetzt stehen die geflügelten Sammelboxen in Kneipen, Kultureinrichtungen und Geschäften. „Es ist wichtig, überall präsent zu sein, um die Identifikation der Marburger zu fördern“, sagt Iris Rubinich. Jüngere Besucher sollen mit einer Crowdfunding-Aktion angesprochen werden. Wer mindestens fünf Euro gibt, wird Teil der temporären Rauminstallation faceroom, zur Wiedereröffnung wird ein Raum mit einer riesigen Collage aus den Gesichtern aller Teilnehmer zu sehen sein. Das soll 2018 so weit sein. Bis dahin gibt es immer wieder temporäre Ausstellungen und Veranstaltungen wie beispielsweise kürzlich in der Nacht der Museen, als das Foyer geöffnet war und eine Band auf der neuen Treppe spielte. Die Kultureinrichtung soll präsent in der Stadt bleiben. Dafür sorgt auch ein von Kunststudenten gestalteter großer Bauzaun, in dem wichtige Arbeiten aus dem Bestand zitiert werden. Er signalisiert seit Mitte Juli den neugierigen Passanten, dass hinter den Mauern bedeutende Schätze verborgen sind.

Derzeit lagern sie im Depot im Untergeschoss: eine kleine Anzahl von Skulpturen, allein 8000 Kunstwerke auf Papier, teils in Schüben, in hohen Holzregalen oder auf den neu eingebauten ausziehbaren Gitterwänden. Zum Beispiel der Kandinsky aus der Sammlung Richard Hamann, ein Marburger Kunsthistoriker, der auch mit Käthe Kollwitz und Oskar Moll befreundet war und mit seinem Interesse an Gegenwartskunst den Grundstock der heutigen Kunstsammlung und ihrer Ausrichtung legte.

Gezielte Ankäufe, vor allem aber Nachlässe und Geschenke trugen zum Wachstum der Gemäldegalerie bei. Einen Schwerpunkt bildet die Willingshäuser Malerkolonie, bei der im 19. Jahrhundert zahlreiche Künstler aus deutschen Großstädten in die nahe gelegene Schwalm kamen, um nach französischem Vorbild in der Natur zu malen. „Wir können uns nicht mit Frankfurt und Kassel messen“, sagt Museumsleiter Otterbeck, für die Region soll das Museum jedoch ein zentraler Ort der Kunstpräsentation und Vermittlung werden, sei es für Studierende oder Besucher, die aus anderen Gründen den Weg in die Stadt finden. „Sie werden überrascht sein, was hier alles zu sehen ist“, sagt Otterbeck.

Auch Neuigkeiten gibt es: Bei der Wiedereröffnung wird erstmals die Sammlung Hilde Eitel ausgestellt. Die Marburger Unternehmerin und Gestalterin, die 2010 verstarb, hatte in ihren letzten Jahren ihre Ankäufe bereits mit Blick auf die Schenkung an das Museum getätigt.

Ihr Vermächtnis umfasst Werke der internationalen Avantgarde nach 1945, unter anderem von Josef Albers, Jean Dubuffet, Lucio Fontana und Yves Klein, die dann der Öffentlichkeit präsentiert werden – in modernem Licht, übersichtlichen Rundgängen und neuen Räumen für die Kunst.

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