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Speiseöl, Bio-Diesel, Tierfutter

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Von: Andrea Rost

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Ernst Winfried Döhne (Vorsitzender Hessische Erzeugerorganisation für Raps), Karsten Schmal (Präsident Hessischer Bauernverband), Jürgen Pauly (Betriebsleiter Johanneshof, Kreislandwirt im Main-Taunus-Kreis) (v.l.).
Ernst Winfried Döhne (Vorsitzender Hessische Erzeugerorganisation für Raps), Karsten Schmal (Präsident Hessischer Bauernverband), Jürgen Pauly (Betriebsleiter Johanneshof, Kreislandwirt im Main-Taunus-Kreis) (v.l.). © Michael Schick

Hessens Landwirtschaft rechnet in diesem Jahr mit einer guten Rapsernte, die Öl-Hamsterkäufe nicht nötig macht. Doch es muss auch viel investiert werden.

Fast mannshoch stehen die Rapspflanzen auf den Feldern von Landwirt Jürgen Pauly. Die gelben Blüten strahlen unter einem wolkenlosen blauem Himmel, im Hintergrund sieht man die Frankfurter Skyline.

Raps sei eine der schönsten Ackerkulturen, sagt der Hofheimer, der mit seiner Familie den Johanneshof im Norden der Main-Taunus-Kreisstadt bewirtschaftet. Nicht nur der prachtvollen Optik wegen zu Zeiten, in denen das Wetter oftmals noch trüb und die Natur Grau in Grau sei. Sondern auch, weil die gelben Blüten nektarsammelnde Bienen anlockten; weil Hasen, Rebhühner und Fasane früh im Jahr zwischen den dicht gewachsenen Pflanzen Schutz vor Raubvögeln und Füchsen suchen könnten. Und weil der Raps mit seiner hohen Pflanzenmasse und den tiefen Wurzeln ideal als Vorfrucht sei. „Der Ertrag von anschließend gesätem Winterweizen liegt um gut zehn Prozent höher als üblich“, berichtet der Landwirt.

Jürgen Pauly ist Kreislandwirt und hat auf etwa einem Drittel seiner Felder Raps angebaut. Ob er damit das große Los gezogen hat und den Raps im Sommer vielleicht für 700 Euro pro Tonne und damit gut doppelt so teuer verkaufen kann wie in den Vorjahren, weiß er noch nicht. „Die Ernteausfälle durch den Ukraine-Krieg sorgen für große Verunsicherung auf dem Markt“, hat er festgestellt. „Keiner weiß so recht, wie es weitergeht.“ Und selbst, wenn der Rapspreis Rekordhöhen erreichen würde, „die Kosten für den Dünger und den Sprit für die Erntemaschinen steigen ebenfalls gewaltig. Das ist für uns Bauern nicht leicht zu verkraften.“

Von einer großen Verunsicherung auf den Höfen berichtete gestern auch der Präsident des Hessischen Bauernverbandes, Karsten Schmal, der zum Pressegespräch anlässlich der Rapsblüte auf den Johanneshof gekommen war. Die Lage sei angespannt, die Entwicklung des Krieges in der Ukraine werde mit Sorge beobachtet. Kritik gebe es aber auch an der Agrarpolitik der Bundesregierung, die von den Landwirten fordere, Flächen stillzulegen beziehungsweise unter neuen Auflagen bestehende Fruchtfolgen zu erhalten. Angesichts einer drohenden Versorgungsknappheit mit Lebensmitteln sei das unverständlich, sagte Schmal. Immerhin eine Sorge konnte Karsten Schmal zerstreuen. Durch den Ukraine-Krieg fielen zwar derzeit weltweit die größten Pflanzenölexporteure für Sonnenblumen- und Rapsöl weg. In Deutschland sei aber kein Mangel an Speiseöl zu befürchten. Raps sei mit einer Anbaufläche von mehr als einer Million Hektar die wesentliche Ölsaat im Anbau. Hinsichtlich seiner Verwendung sei es mit Sonnenblumenöl austauschbar. „Die Marktversorgung mit Speiseöl ist gesichert. „Hamstern ist nicht nötig“, sagte Schmal.

Raps-Anbau

In Deutschland wird zurzeit auf mehr als einer Million Hektar Raps angebaut. Das entspricht einer Fläche von knapp zwei Millionen Fußballfeldern.

In Hessen ist die Raps-Anbaufläche 45 800 Hektar groß.

Von einem Hektar Raps werden ab Ende Juli durchschnittlich 4000 Kilogramm Rapskörner geerntet.

In Ölmühlen werden aus dieser Menge an Rapskörnern 1600 Liter Rapsöl oder Biodiesel hergestellt. Aus dem Pressrückstand wird 2400 Kilogramm Rapsschrot gewonnen, das als eiweißreiches Tierfutter dient.
Rapsblüten zählen zu den ergiebigsten Nektarquellen für Honigbienen. Ein Hektar Raps kann in einer Blühsaison eine Honigernte von bis zu 494 Kilogramm einbringen.

Rapspflanzen bedecken elf Monate im Jahr den Boden und schützen ihn so vor Erosionen und Nährstoffauswaschungen. Die große Pflanzenmasse führt auch zu einer hohen Biodiversität auf den Feldern.

Als Vorfrucht sorgt Raps auf den Anbauflächen für einen zehnprozentigen Mehrertrag bei Winterweizen. Außerdem lockern die tiefen Wurzeln der Rapspflanzen den Boden. aro

Noch steht der Raps längst nicht überall im Land in voller Blüte. „Bei mir am Edersee sind wir davon weit entfernt“, berichtete der Verbandspräsident. „In den Nächten kann es noch sehr kalt werden.“ Bislang hielten sich Frostrisse an den Stängeln der Rapspflanzen, die die Eintrittspforte für Schadpilze bildeten, aber in Grenzen. Und die Knospen seien kaum beschädigt.

In den vergangenen Jahren hätten langanhaltende Trockenperioden die Anbaubedingungen für den Winterraps erschwert, berichtete Schmal. Die Erntemengen seien deutlich zurückgegangen. Mehr als 50 Prozent des in den heimischen Ölmühlen verarbeiteten Rapses komme aus dem Ausland. Dass seit 2019 wieder mehr Raps in Hessen angebaut wird, begrüßte Karsten Schmal. „Raps ist eine wertvolle Kulturpflanze, deren Leistungen Bienen, Verbrauchern und Landwirten zugutekommen.“

Von einem Hektar werden durchschnittlich 4000 Kilogramm Rapskörner geerntet. Sie bestehen zu 40 Prozent aus Pflanzenöl und zu 60 Prozent aus eiweißhaltigem Rapsschrot. Er wird vor allem an Rinder, aber auch an Schweine und Geflügel verfüttert und reduziert damit die Abhängigkeit von Futtermitteln aus dem Ausland.

In der aktuellen Energiekrise könne Raps, der zu Biodiesel verarbeitet werde, zudem einen Beitrag leisten, um Deutschland unabhängiger von fossilen Gas- und Rohöllieferungen zu machen, sagte Schmal. „Mit Biodiesel als Kraftstoff werden gegenüber Mineraldiesel fast 70 Prozent an Treibhausgasen eingespart.“ Im Jahr 2020 hätten Biokraftstoffe aus heimischer Produktion 4,5 Millionen Tonnen an Importen aus dem Ausland ersetzt. Rapsöle würden auch als hochwertige Schmierstoffe für Motorsägen, als Hydrauliköl sowie in Lacken, Farben, Kerzen, Kunststoffen sowie Weichmachern verwendet. Sie seien zu 100 Prozent biologisch abbaubar.

Dass der Rapsanbau trotz gestiegener Dünger- und Dieselkosten für die Landwirte wirtschaftlich bleibt, dafür sorgt die Hessische Erzeugerorganisation für Raps, der sich 1200 Bäuerinnen und Bauern angeschlossen haben. Die Organisation bündelt 20 Prozent der landesweiten Rapsmengen und tritt damit über das ganze Jahr verteilt als Verkäuferin auf dem Markt auf. 32 000 Tonnen Raps-Samen wurden 2021 geerntet und zu Ölmühlen in Mannheim, Neuss, Hamm und Salzgitter sowie in den Verladehafen nach Hanau geliefert.

Bereits Mitte 2021 sei die weltweite Nachfrage nach Pflanzenölen groß, die Versorgung mit Ölsaaten aber knapp gewesen, berichtete der Vorsitzende der Erzeugerorganisation Ernst Winfried Döhne beim Pressegespräch auf dem Johanneshof. „Der Krieg in der Ukraine hat den Preisanstieg für Raps noch einmal beschleunigt. Über unser Pool-Preissystem können wird den Landwirten Preissicherheit für Raps rund ums Jahr garantieren.“

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