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Auch Schweine leben und vermehren sich auf dem unter Denkmalschutz stehende Anwesen.

Bad Vilbel

"Wie aus einem Guss gewirkt"

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Der Anfang war schwer: Die Gründer der Betriebsgemeinschaft Dottenfelderhof mussten in den 1960er Jahren für ihre Ziele kämpfen.

Auf der Bühne im neuen Saal des Dottenfelderhofs haben vier Pioniere Platz genommen, drei ältere Herren und eine Dame. Ebba Bauer, Dieter Bauer, Knud Brandau und Manfred Klett gehörten vor 50 Jahren zu den Gründern der Betriebsgemeinschaft Dottenfelderhof. An diesem Sonntagmorgen erzählen sie den Zuhörern, welche Hürden sie meistern mussten, bevor sie 1968 den Pachtvertrag für den Hof in den Händen halten konnten, und wie sich die Gemeinschaft anfangs erst einspielen musste. Viele im Publikum hören die Erinnerungen und Anekdoten nicht zum ersten Mal. Etliche Freunde und Bekannte sind gekommen.

Als am Ende des Gesprächs Moderator Michael Olbrich-Majer, seines Zeichens Redakteur der Demeter-Zeitschrift „Lebendige Erde“, fragt, was die Gründer denn der heutigen Hofgemeinschaft mit auf den Weg geben möchten, sagt der 79 Jahre alte Dieter Bauer: „Es kommt darauf an, dass man ein gemeinsames Ziel hat, das darf ruhig etwas größer sein.“ Wer die anderthalb Stunden zuvor gut zugehört hat, weiß, was er meint.

Das Resultat kann man auf dem heute etwa 200 Hektar großen Gut in Bad Vilbel beobachten. Mehr als 100 Menschen bauen hier nach den Richtlinien des Demeter-Verbandes Gemüse und Obst an, halten Rinder, Schweine und Hühner. Gearbeitet wird in einem weitgehend geschlossenen Betriebskreislauf. Derzeit entsteht auf dem Dottenfelderhof Hessens erstes Container-Blockheizkraftwerk für Holzhackschnitzel mit einer Leistung von 50 Kilowatt.

Dass der Hof zu einem Vorzeigebetrieb im Bio-Landbau wird, damit konnten die Gründer vor einem halben Jahrhundert nicht rechnen. „Wir waren arm wie die Kirchenmäuse“, erinnert sich der 84-jährige Manfred Klett. „Bevor wir den Pachtvertrag abschließen konnten, haben wir vier Jahre darum gekämpft.“ Den Kampf trugen Klett und seine acht Mitstreiter Mitte der 1960er Jahre aus, als der Hof von den damaligen Pächtern konventionell bewirtschaftet wurde. Sie wollten anschließen an die Jahre von 1946 bis 1958, als Ernst Becker und dessen Schwiegermutter Gerdi Albert den Hof schon einmal nach biologisch-dynamischen Kriterien geführt hatten. Er habe kein Kapital einbringen können, nur seine Arbeitskraft, sagt Knud Brandau. Mit 86 Jahren ist der Mann mit dem weißen Rauschebart der älteste Pionier auf dem Podium. Eine Bank gewährte ihnen schließlich einen Kredit in Höhe von 400 000 D-Mark.

So konnte die auf den anthroposophischen Prinzipien Rudolf Steiners gründende Betriebsgemeinschaft nach langen Verhandlungen mit dem hessischen Landwirtschaftsministerium den Hof pachten und erhielt einen auf fünf Jahre befristeten Vertrag. Manfred Klett schreibt dies nicht zuletzt dem damaligen hessischen Landwirtschaftsminister Tassilo Tröscher (SPD) zu. „Dem haben wir ganz viel zu verdanken, dass wir hier sind“.

Die Gründer steckten ihre ganze Kraft in den Aufbau des Hofes und nahmen Entbehrungen in Kauf. Mit acht Kindern und vier Erwachsenen habe man eine Etage bewohnt und sich ein Badezimmer geteilt, berichtet die 77 Jahre alte Ebba Bauer. Mit dem System einer Betriebsgemeinschaft habe sie sich erst anfreunden müssen. „Wir haben in eine Kasse hineingewirtschaftet.“ Und die Ausgaben der Gemeinschaft seien aus dieser Kasse bestritten worden. „Ich hatte immer das Gefühl, man nimmt dem Hof etwas weg“, sagt Bauer. Das Geld war knapp und zu wenig für moderne landwirtschaftliche Maschinen. „Wir mussten nachts Maschinen reparieren, damit sie tagsüber wieder laufen konnten“, erzählt Manfred Klett.

Nachdem die Betriebsgemeinschaft nachgewiesen hatte, dass sie funktionierte, wirtschaftlich arbeitete und den Boden fruchtbar hielt, wurde der Pachtvertrag 1973 um 18 Jahre verlängert. Schon ein Jahr vorher hatte der gemeinnützige Verein „Landbauschule Dottenfelderhof“ die Hofgebäude und rund 20 Hektar des umliegenden Landes erworben. Ihr gehören sie noch heute – Verkauf und Vererben sind ausgeschlossen.

Zwölf Jahre dauerte es, bis die Gründer ihre Schulden zurückgezahlt hatten. Möglich war das Manfred Klett zufolge nur, weil die Betriebsgemeinschaft „wie aus einem Guss zusammengewirkt“ habe. Und es gab einen weiteren Grund: „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir ein einziges Mal das Bankkonto überzogen haben.“

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