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Mehr als die Hälfte aller Wetterauer Berufstätigen verlässt auf dem Weg zur Arbeit die Grenzen des Landkreises.

Bundestagswahl

Wahlkreis Wetterau I: Mehr als die Hälfte pendelt

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Im Wahlkreis Wetterau I wurde viel in den Straßenbau investiert. Und der Tourismus ist ein Standbein geworden. Die Analyse zur Bundestagswahl.

Die Wetterau ist eine Umgehungsstraße“, spottete Andreas Maier vor einigen Jahren. Der in Bad Nauheim geborene Literat hat dem Phänomen Ortsumgehung einen ganzen Romanzyklus gewidmet. Und Maiers Erkenntnis trifft von Jahr zu Jahr mehr zu auf seine alte Heimat. Erst kürzlich eröffnete die Ortsumgehung Wöllstadt, seit Herbst 2016 rollen Autos über die Karbener Nordumgehung. Die Kreisstadt Friedberg lässt sich seit mehr als acht Jahren westlich umfahren. Im Wahlkreis Wetterau I, der den Westen und die Mitte des Wetteraukreises umfasst und in dem rund 238 000 Menschen leben, wurde im vergangenen Jahrzehnt mächtig in den Straßenbau investiert.

Diese Investitionen freuen viele, die täglich mit dem Auto nach Frankfurt oder nach Norden pendeln. Mehr als die Hälfte aller Wetterauer Berufstätigen verlässt mittlerweile auf dem Weg zur Arbeit die Grenzen des Landkreises. Sie sind auf gute Verkehrswege angewiesen und werden es in Zukunft noch mehr sein. Denn die Bevölkerung in den Städten und Gemeinden des Wahlkreises wächst. Große Wohngebiete entstehen zurzeit in Bad Vilbel, Karben und Friedberg – Städte, die über einen S-Bahn-Anschluss verfügen und durch den geplanten viergleisigen Ausbau der S6 künftig noch besser und pünktlicher angebunden werden sollen. Bis das so weit ist, werden aber wohl noch mehr als zehn Jahre vergehen. Auch in Rosbach und Bad Nauheim werden emsig Wohnungen gebaut. Der Zuzug junger Familien zwang die Kommunen in den vergangenen Jahren dazu, noch mehr Kitaplätze zu schaffen. Den Haushalten macht das schwer zu schaffen. Mancherorts ist ein Neubau von Schulen im Gespräch.

An Rosbach und Bad Nauheim vorbei führt eine der wichtigsten Fernstraßen Deutschlands, die A5. Der Bund will die auch bei Pendlern beliebte Autobahn nach 2030 zwischen dem Gambacher Kreuz und dem Nordwestkreuz Frankfurt ausbauen und von sechs auf acht Spuren verbreitern.

Entlang der A5 sowie im südlichen Teil des Wahlkreises residieren große Arbeitgeber, allen voran der Arzneimittelhersteller Stada in Bad Vilbel, der rund 500 Personen vor Ort beschäftigt. Bad Vilbel ist die an Einwohnern größte Stadt der Wetterau. Die zahlreichen Heil- und Mineralwasserquellen machen die Stadt überdies zu einem bedeutenden Zentrum der deutschen Mineralwasserindustrie. Etwa zehn Prozent des in der Bundesrepublik getrunkenen Mineralwassers stammt aus dem Wahlkreis. Die zweitgrößte Stadt der Wetterau, Bad Nauheim, ist als Kur- und Klinikstandort weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Gleich mehrere mittelständische Unternehmen haben sich in ihrer Branche einen Namen gemacht, zum Beispiel der Büromöbelhersteller König + Neurath in Karben oder Hessnatur in Butzbach, Deutschlands größtes Label für natürliche Mode. Kleine und mittelständische Unternehmen prägen das Bild der hiesigen Wirtschaft. Und aufgrund der Nähe zu Frankfurt und der guten Verkehrsanbindung rückt die Wetterau immer mehr in den Fokus von Investoren.

Auf rund 1000 Kilometern gut ausgebauter und beschilderter Radwege lässt sich die Wetterau heute erkunden, ein beträchtlicher Teil davon verläuft in der Mitte und im Westen. In den zurückliegenden Jahren hat der Kreis viel Geld in den Ausbau der Rad- und Wanderwege gesteckt. Der Tourismus hat sich zu einem Standbein entwickelt.

Trotz der dynamischen Entwicklung, die die Wetterau genommen hat, hat sich die Region ihre Ursprünglichkeit bewahrt. Einst Kornkammer des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“, hat sie vielerorts noch immer ein ländliches Antlitz. Fast die Hälfte der Kreisfläche wird landwirtschaftlich genutzt. Die Natur ist von Feldern und einer Hügellandschaft geprägt. Einige Bürgermeister und Einwohner befürchten jedoch, dass Windräder diese Aussichten trüben könnten.

Die politische Landkarte zeigt ein dreiteiliges Bild. Während in zwölf Rathäusern Bürgermeister mit CDU- oder SPD-Parteibuch sitzen, haben in fünf Kommunen parteilose Amtsinhaber das Sagen. Die Landräte stellt seit 1985 die SPD, aus den vergangenen Kreistagswahlen ging jedoch stets die CDU als stärkste Partei hervor. CDU und SPD sind nach der Kommunalwahl 2016 im Kreistag eine große Koalition eingegangen und haben ein Ampelbündnis abgelöst.

Bei den zurückliegenden Bundestagswahlen lag die CDU stets deutlich vor der SPD, wenngleich die Sozialdemokraten im hiesigen Wahlkreis immer etwas besser als im Bund abschnitten. Der 56 Jahre alte Jurist Oswin Veith (CDU), einstiger Butzbacher Bürgermeister und Erster Kreisbeigeordneter, ist seit 2013 direkt gewählter Bundestagsabgeordneter. Für die SPD errang als letzte Nina Hauer 2005 das Direktmandat.

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