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Thorsten Schäfer-Gümbel zieht sich aus der Politik zurück.

Thorsten Schäfer-Gümbel

TSG - Der Unvollendete

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Hessens SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel verlässt die Politik. Sein Ziel, Ministerpräsident zu werden, hat er verfehlt – ein Porträt. 

Am Dienstagmorgen twitterte Thorsten Schäfer-Gümbel einen fröhlichen Gruß in die Welt des Internets. „Die Sonne scheint, das wird ein guter Tag!“, schrieb der 49-jährige SPD-Politiker. „Allen einen guten Start!“

Der Tweet ließ nichts von dem erkennen, was einige Stunden später die Landespolitik aufwirbeln sollte. Schäfer-Gümbel zieht sich aus der Politik zurück, nach mehr als zehn Jahren an der Parteispitze, nach mehr als zehn Jahren an der Fraktionsspitze. Der Mann, der vielen als Übergangskandidat gegolten hatte, hält damit den Rekord als hessischer Fraktionsvorsitzender.

In einem Interview der Frankfurter Rundschau hatte Schäfer-Gümbel vor einigen Tagen bereits erkennen lassen, dass er nicht noch einmal als Spitzenkandidat antreten würde. „Ich habe eine erfüllende Aufgabe, die aber unvollendet ist“, sagte er. „Mein Ziel war, als Ministerpräsident das Land zu verändern.“

Auch mit Thorsten Schäfer-Gümbel landet die SPD auf Platz Drei

Dieses Ziel hat Schäfer-Gümbel nicht erreicht. Die SPD blieb auch nach der Landtagswahl im Oktober 2018 in der Opposition und wurde zudem erstmals nur drittstärkste Kraft, hinter CDU und Grünen. Für Platz zwei fehlten landesweit genau 66 Stimmen. Das war der nächste Nackenschlag für die gebeutelten Sozialdemokraten.

Drei Mal hat Schäfer-Gümbel als Spitzenkandidat gegen die CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch und Volker Bouffier Anlauf genommen, drei Mal hat er die Staatskanzlei verfehlt. Das einst „rote Hessen“ ist mittlerweile das Bundesland, in dem die SPD am längsten auf eine Regierungsbeteiligung wartet – von Bayern einmal abgesehen.

Eine Unterschrift neben der von Sahra Wagenknecht

Trotzdem blieb Schäfer-Gümbel intern unangefochten. Das hängt mit seinen unbestrittenen Verdiensten zusammen. Der Politologe hat fleißig und systematisch die Landespartei wieder aufgerichtet, die 2008 den Sprung an die Macht durch eigene Schuld verpasst hatte, als vier Abweichler aus den eigenen Reihen die Wahl von SPD-Chefin Andrea Ypsilanti zur Ministerpräsidentin verhinderten. Der einstige Parteilinke – Schäfer-Gümbels Unterschrift prangte schon vor Jahren neben der von Sahra Wagenknecht unter der Kampagne „Hands Off Venezuela“ – führte die Flügel zusammen. Der in Gießen aufgewachsene Allgäuer, der mit seiner Familie im nahen Lich wohnt, setzte auf Themen, die in der Partei starken Rückhalt bekamen – kostenlose Bildung und entschiedenen Kampf für bezahlbares Wohnen etwa.

Im Jahr 2008 startete Schäfer-Gümbel quasi aus dem Nichts. Der gebürtige Allgäuer und begeisterte Bayern-München-Fan gehörte dem Landtag erst fünf Jahre lang an und war nicht in Ypsilantis Schattenkabinett aufgetaucht, als sie ihn als Nachfolger ausguckte. In der Öffentlichkeit wurde Schäfer-Gümbel wegen seines Doppelnamens und seiner dicken Brille aufgezogen. Er wirkte wie ein Bürokrat – und ein Blogger hatte großen Erfolg mit einem ironischen Schäfer-Gümbel-Porträt im Stile eines Barack-Obama-Wahlplakats. „Yes, I can“ lautete in der hessischen Version: „Yo, isch kann“.

Wie der Nachfolger von Willy Brandt

Doch die Seriosität und Sachkenntnis konnte Schäfer-Gümbel niemand absprechen. Monatelang befasste er sich intensiv mit Digitalisierung und Globalisierung und veröffentlichte „Die sozialdigitale Revolution“, ein Buch, das sich weit ernsthafter mit einem Sachthema auseinandersetzte als die allermeisten Politikerbücher. Ohnehin blickte der Politologe weit über den Tellerrand – etwa bei der Kontaktpflege mit China und anderen asiatischen Staaten, für die Schäfer-Gümbel als stellvertretender Bundesvorsitzender zuständig war. In Peking wurde Schäfer-Gümbel quasi wie der Nachfolger von Willy Brandt empfangen, der einst den Dialog zwischen der deutschen SPD und der kommunistischen Staatspartei Chinas eingeleitet hatte.

Was für ein Aufstieg für den Hessen, der sich mit seinen beiden Brüdern in der Gießener Nordstadt ein Zimmer hatte teilen müssen und der als Einziger in seiner Familie studieren konnte. Die soziale Herkunft prägte ihn und seine Themen. Auch die weitblickende Version des Wahlprogramms, der „Hessenplan 2.0“ zu Bildung, Mobilität und Wohnen, trug Schäfer-Gümbels eigene Handschrift. Um die Welt nicht nur aus dem Landtag zu betrachten, ließ der Chef seine gesamte Landtagsfraktion ausrücken, Berufspraxis zu schnuppern, in Kitas, in Krankenhäusern oder bei der Polizei. Auch seine Wahlkampagne wurde darauf zugeschnitten, wie Schäfer-Gümbel anpackt - ganz handfest beim Transport eines großen Balkens.

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Noch nach der Landtagswahl 2018 kämpfte Schäfer-Gümbel, um eine Regierung mit Grünen und FDP zu bilden. Rechnerisch wäre so eine Koalition möglich gewesen, aber politisch klappte es nicht. Trotzdem rührte sich kein ernsthafter Widerstand, als Schäfer-Gümbel sich wieder zum Fraktionschef wählen ließ. Die hessische SPD hatte sich auf die Sprachregelung geeinigt, dass ihr erneut der Gegenwind aus Berlin den Erfolg verdorben habe. Ganz falsch war das nicht. Doch zugleich zeigte sich in den vergangenen Monaten, dass die Sozialdemokraten eine Veränderung brauchen, um wieder Hoffnung zu schöpfen. Dafür macht Schäfer-Gümbel den Weg nun frei.

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