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Grundsätzlich geht die Politik in die richtige Richtung, sagt Jonas Berhe.

Diskriminierung

„Rassismus ist Teil der Alltagskultur“

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Politik muss Rassismus-Opfer ernst nehmen und nicht erst reagieren, wenn es zu Gewalt kommt. Das fordert Jonas Berhe von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland.

Herr Berhe, wie stark prägt Rassismus Ihr tägliches Leben?

Rassismus ist leider nicht wegzudenken aus meinem Alltag. Ob Racial Profiling am Bahnhof, rassistische Türpolitik in Diskotheken oder auch die eine oder andere böse Überraschung, wenn es darum ging, mich auf dem freien Wohnungsmarkt für eine Wohnung zu bewerben. Die Kontrollen fingen schon in jungen Jahren an, der Rest je nachdem, in welcher Lebensphase ich gerade war.

Erleben Sie auch subtilere Formen der Ausgrenzung?

Meine Erfahrung in Frankfurt ist, dass diese subtileren Formen von Alltagsdiskriminierung über die Jahre eher abgenommen haben, weil Frankfurt eine ziemlich internationale Stadt ist, in der sich sehr unterschiedliche Menschen tummeln, die Rassismus nicht nur vom Hörensagen kennen. Auf meinen Dienstreisen in die neuen Bundesländer bemerke ich da zum Teil ein anderes Klima. Aber der strukturelle Rassismus - wo es darum geht, dass man gläserne Schranken nicht überwinden kann, egal wie der Ausbildungsgrad, das Einkommen oder die Eloquenz sind, ist noch ziemlich unverändert. Der steckt tief in den Institutionen drin, auch im Jahr 2014.

Wie gehen Sie und die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland mit dem Rassismusproblem um?

Wir kollektivieren unsere Erfahrungen, weil uns klar ist, dass es nicht mit den einzelnen Personen und ihrem Verhalten zusammenhängt, wenn ihnen Rassismus widerfährt. Mit diesem Wissen sind wir in der Lage, kollektiv reagieren zu können und dem Rassismus die Stirn zu bieten. Wir tauschen uns aus, vernetzen uns mit anderen selbstorganisierten Menschen, etwa im Flüchtlingskontext, und finden Räume, in denen wir uns sicher fühlen und von unseren Erfahrungen gegenseitig lernen können. Persönlich bin ich lange genug politisch aktiv, dass ich mich auch verbal zu wehren weiß. Aber es hat mir viel geholfen, mir zu sagen, dass diese Situationen sowieso immer wiederkommen und ich mich darauf vorbereiten muss.

Es kann Sie also nicht mehr ganz so kalt erwischen?

Genau, es gibt ein antizipierendes Moment. Wir haben verstanden, dass Rassismus sich immer wieder Wege bahnt. Das ist nichts, was ab und zu mal aufpoppt, sondern gehört zur Gesellschaft dazu, wie auch Geschlechterdiskriminierung oder Diskriminierung von Menschen mit Behinderung. Es kann uns nicht mehr wirklich überraschen, wenn es wieder einen rassistischen Vorfall oder einen blöden Spruch gibt.

„Kleine Attacken - die machen die Leute fertig“

In der breiten Gesellschaft wird Rassismus aber meist erst dann wahrgenommen, wenn es zu einem Übergriff gekommen ist. Wie hängen solche Gewalttaten mit der alltäglichen Diskriminierung zusammen?

Wenn ich das verbildlichen müsste, würde ich von einem Eisberg sprechen und sagen, die Spitze ist das, was wir in den Medien erfahren - von Häusern, die abgebrannt werden, weil da Migranten leben, von Menschen, die aus S-Bahnen gestoßen, ermordet oder von der Polizei verprügelt werden. Verborgen darunter liegt der Rassismus, der dazu führt, dass Menschen auf Grund ihres Namens oder ihres Aussehens schlechtere Jobs bekommen oder in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden. Bei Übergriffen gibt es den Aufschrei aus der bürgerlichen Ecke, dass das nicht sein darf in einem modernen Land, und natürlich ist es richtig, dass darüber gesprochen wird. Aber es lenkt auch davon ab, dass es total viel Diskriminierung gibt, die wir nicht wahrnehmen.

Im angelsächsischen Kontext gibt es dafür den Ausdruck der „Micro-aggressions“, also dass es beim Einkaufen, auf der Straße, im Vorbeigehen immer wieder kleine Attacken gibt – die schaffen es nicht in die Medien, aber sind eigentlich das, was die Leute fertigmacht.

Was muss von gesellschaftlicher und politischer Seite getan werden, um den Eisberg als ganzen abzuschmelzen?

Ganz an den Anfang würde ich stellen, dass die Erfahrungen von Menschen, die von Rassismus betroffen sind, wertgeschätzt werden müssen. Beim NSU haben wir genau das Gegenteil erlebt: Da haben Leute ihr Leben gelassen, und die Polizei hat geglaubt, diese Taten anhand von kriminellem Verhalten in Migrantenmilieus beantworten zu müssen. Wenn Menschen erzählen, dass sie rassistisch behandelt wurden, begegnet man ihnen oft mit Misstrauen. Da muss sich das Bewusstsein in den Behörden, aber auch in der breiten Gesellschaft ändern.

Was wäre der nächste Schritt?

Effektive Gegenmaßnahmen dürfen nicht nur anlassbezogen sein. Ich kann nicht erst darauf warten, dass es einen Übergriff gibt, um dann darauf zu reagieren, sondern ich muss antizipieren, dass es passieren kann und dass Rassismus leider fester Bestandteil der Alltagskultur ist. Dafür braucht es mehr Unterstützung für Beratungsstellen, die Betroffenen helfen, und Anlaufstellen, die unabhängig von der Polizei arbeiten. In Schulen oder an Arbeitsstellen muss Rassismus stärker ins Auge gefasst werden. Man kriegt ihn nicht weg, indem man sagt, alle Menschen sind gleich und haben Zugang zu allem – denn das ist gerade nicht so, und das muss offen diskutiert werden.

Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die Pläne der schwarz-grünen Koalition in Hessen, eine Landesantidiskriminierungsstelle einzurichten, bei der Betroffene ihre Erfahrungen melden können?

Grundsätzlich finde ich das positiv, es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber es kommt natürlich darauf an, wie diese Beschwerdestelle besetzt ist. Gelten da Menschen als Professionelle, weil sie bei der Polizei oder einer anderen Institution arbeiten, oder sind sie Professionelle, weil sie über einen persönlichen Erfahrungsschatz verfügen oder sich politisch oder wissenschaftlich mit dem Thema Diskriminierung auseinandergesetzt haben? Welche Befugnisse haben sie? Geht es darum, dass man Erfahrungen sammelt, oder hat man mehr Handlungsspielräume? Kann die Beschwerdestelle im Ernstfall von der Landesregierung ausgebremst werden, oder ist sie frei, politischen Druck auszuüben?

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