Landgericht Darmstadt

Prozess um Schüsse auf Flüchtlingsunterkunft

  • vonFrank Sommer
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Im Prozess um Schüsse auf eine Dreieichenhainer Flüchtlingsunterkunft sind die drei Angeklagten geständig. Für ihre Tat hatten sie kein rechtsextremes Motiv.

Ein Mann will sich an einem vermeintlichen Nebenbuhler rächen und schießt deshalb auf ein Haus, in dem er den Rivalen vermutet, verwechselt aber die Adresse: Was wie der Plot eines Vorabendkrimis klingt, entwickelte sich im Januar vergangenen Jahres zu einem bundesweit diskutierten Ereignis. Denn der Schütze gab am 4. Januar 2016 gegen 2.30 Uhr die Schüsse auf eine Flüchtlingsunterkunft im Dreieicher Stadtteil Dreieichenhain ab, ein 23-jähriger Flüchtling aus Damaskus wurde dabei leicht am Bein verletzt.

Vor dem Landgericht Darmstadt hat am Freitag der Prozess gegen drei Männer begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 28-jährigen Hauptangeklagten Daniel S. versuchten Mord und seinen zwei Mitangeklagten Sebastian W. und Markus T. Beihilfe dazu vor. Sebastian W. muss sich zudem wegen Rauschgifthandels verantworten. Alle drei geben die Tat zu.

Die Tat hatte bundesweit Entsetzen hervorgerufen. Selbst Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) meldete sich über einen Kurznachrichtendienst zu Wort und verurteilte die „Spirale der Gewalt gegen Flüchtlinge“. Wenige Tage später demonstrierten rund 700 Menschen gegen Rassismus vor der Unterkunft – noch bevor feststand, ob die Tat rassistisch motiviert war und obwohl die Flüchtlingshelfer vor Ort eindringlich darum baten, nicht vor der Unterkunft aufzumarschieren. Noch im Juni, als die Staatsanwaltschaft jedes fremdenfeindliche Motiv ausschloss, zitierten die Offenbacher Naturfreunde bei einer Demonstration die Schüsse als Beleg für Rechtsextremismus in der Region.

Beim Prozessauftakt stellt sich die Tat erschreckend banal dar: Weil die Freundin von S. im April 2015 Zärtlichkeiten mit einem anderen Mann austauschte, beschloss S., mit seinen Freunden Sebastian W. und Markus T., diesem „einen Denkzettel zu verpassen“. Als S. kurz vor der Tatnacht Namen und Anschrift des Nebenbuhlers erfuhr, wollten die drei zur Tat schreiten.

Zunächst, so berichtet W., nahmen sie bei ihm in Langen Drogen, dann fuhren sie mit dem Wagen von S.’ Stiefvater zu einem Lager in Dreieichenhain. Zuvor hatte S. eine Waffe von W. samt Munition mitgenommen. Woher er die Waffe habe, wollte W. nicht sagen. Auf dem Weg zu einem Lagerhaus in Dreieichenhain stahlen sie Nummernschilder eines Fahrzeugs und klebten verschiedene Stellen des eigenen Fahrzeugs ab.

Widersprüchliche Aussagen

Die Angeklagten machen dann jedoch teils widersprüchliche Angaben: S. erklärt später, man habe den Wagen nur unkenntlich machen wollen, da man Benzin an einer Tankstelle stehlen wollte, was dann auch geschehen sei. Zur Adressverwechslung sei es gekommen, weil sie die genannte „Kleiststraße“ mit „G“ in das Navigationssystem des Autos eingegeben hatten: So seien sie zur nahen „Gleisstraße“ geleitet worden.

S. ging allein zu dem Wohnhaus, seine Freunde warteten in einiger Entfernung im Auto. Zwei Zeitungslieferanten beobachteten aber das Fahrzeug und lieferten später die Hinweise zur Festnahme.

Da er „niemanden verletzen wollte“, sagt S., habe er vor den Schüssen durch das Fenster in den dunklen Raum gespäht und diesen als leer erachtet. Dann feuerte er auf das Fenster und lief zurück zum Fahrzeug. Zwei Tage danach suchte S. noch seinen Nebenbuhler unter der richtigen Adresse auf und trat gegen dessen Tür. Außerdem vergrub er zunächst die Pistole, später warf er sie in den Langener Waldsee.

Die Täter entschuldigten sich am Freitag bei ihrem Opfer, das immer noch unter Angstzuständen leidet. Eine Geldsumme zur Wiedergutmachung, die ihm S. anbot, lehnt der Syrer ab. „Mir kommt es auf das Urteil des Gerichts an“, sagt er.
Der Prozess wird am 14. Februar fortgesetzt.

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