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Manchmal belebt, manchmal sehr öde: Die Gestaltung des Berliner Platzes – als Herz der Innenstadt angelegt – ist bis heute umstritten.

Kronberg im Taunus

Millionäre und Maler

Die Toskana im Taunus: In Kronberg lässt es sich schön teuer leben, Touristen kommen gerne. Trotzdem ist die Stadt verschuldet und ihre kleinen Geschäfte in der Innenstadt bedroht. Verliert die Stadt ihren altertümlich-liebevollen Charme?

Zugespitzt kann man sagen: Kronberg ist ein Biotop der Oberschicht. Hier leben die Chefs aus den Frankfurter Vorstandsetagen mit ihren Familien. „Ich kenne viele Familien, die mit Kindern und Kindermädchen in einer Villa leben. Der Vater arbeitet in Frankfurt, die Mama kurvt mit dem Cayenne zum Einkaufen durch die Gegend“, so ein alteingesessener Kronberger. Die Kaufkraft der Bewohner ist jedenfalls um 80 Prozent höher als im Bundesdurchschnitt.

Etliche Promis wohnen in der Stadt – zum Beispiel der frühere Bundesbank-Präsident Karl Otto Pöhl, der einstige CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep, die Dressurreiterin Ann Kathrin Linsenhoff mit ihrem edlen Turnierpferd Totilas. Kronberg ist zudem die Stadt mit dem höchsten Anteil alter Menschen in Deutschland. Es sind die Bewohner des Rosenhofs und des Altkönigstifts – Seniorenresidenzen mit hohen Monatsmieten und dem Service-Standard von Vier-Sterne-Hotels.

Nur wenige Menschen in dieser Stadt haben ganz wenig Geld. Die Lebensmittelausgabe der Tafel-Initiative im nahen Königstein wird von noch nicht einmal 20 Kronbergern genutzt. Für Leute mit kleinem Einkommen gibt es kaum Mietwohnungen. Selbst der Kauf von Einfamilienhäusern bis 400.000 Euro ist schwierig – es gibt kaum welche. In seinem Schaufenster an der Friedrich-Ebert-Straße bietet ein Makler zwei Villen an. Jede kostet mehr als 1,4 Millionen Euro. Und wer nur übernachten will, steigt im Schlosshotel – dem einstigen Wohnsitz der Mutter Kaiser Wilhelms II. – ab. Ein Zimmer kostet mindestens 165 Euro pro Nacht.

Maler schwärmen vom Zauberland

Dreht sich hier tatsächlich alles um den Mammon? Ist von dem alten Kronberg, das bis weit ins 19. Jahrhundert ein Bauerndorf wie viele andere im Umkreis war, nichts mehr übrig geblieben? Wurde im Strudel aus Geldanhäufung und angeblicher Vornehmheit alles weggerissen, was einst als liebenswert und bodenständig galt? Wer im vorletzten Säkulum hier eintraf, geriet ins Schwärmen. Da ist die Rede von „Hesperiens Zauberland“, es werden „Anmut“ und „heiterste Ruhe“ besungen. Nicht lange und schon treffen die Frankfurter Maler mit Pinsel und Staffelei ein.

Neben ihnen die ausflugslustigen Bürger der Mainstadt, die in regelrechten Heerscharen über Dorf und Dörfler kommen. – Eine späte Rache für die verlorene Schlacht von 1389? Theaterautor Karl Malss geht in seiner Lokalposse „Die Landpartie nach Königstein“ mit seinen Landsleuten hart ins Gericht, wenn er eine Bauersfrau sagen lässt: „Do is wirrer e Loding Frankforter ankumme – wei dei Schaude.“ Mit „Schaude“ sind Narren, einfältige Menschen gemeint. Jedenfalls hatte sich das Angesicht von Kronberg am Ende des 19. Jahrhunderts verändert – die Heimstatt von Ackerbürgern und Handwerkern war dabei, ihre Wurzeln zu verlieren.

Heute bietet die Stadt ihren Besuchern viel Flair: Über der pittoresken Altstadt mit ihren steilen Stiegen thront die gut erhaltene Burg. Der Kronberger Architekt Christoph Mäckler schwärmt: „Wenn Sie sich im Sommer auf dem Plätzchen an der Streitkirche an einen der Tische vor dem Gasthaus Zum Grünen Wald setzen, dann kommen Sie sich vor wie in der Toskana. Diese Art der Urbanität hat weder Königstein, Bad Homburg noch sonst irgendeine der Vordertaunusstädte.“ Der Kulturkreis organisiert hier viele Konzerte und Lesungen. Die Kronberg Academy ist eine kleine Universität für die Weltelite der Cellospieler. Es gibt vier Museen. Das Betreuungsangebot für Kinder gilt als vorbildlich. Ebenso die Verkehrsanbindung.

Alles gut? Nein, sagt Stadtkämmerer und Bürgermeister Klaus Temmen. Die Stadt werde zum Jahresende mindestens 23 Millionen Euro Schulden haben. Das Defizit aus laufender Verwaltung steigt in diesem Jahr nach neuester Rechnung von sechs auf acht Millionen Euro. Man könne kaum noch investieren. Die Gewerbesteuer-Einnahmen seien nicht ausreichend. Und es mangele an Gelände für die Ansiedlung von Unternehmen.

Die Kappungsgrenze erhöhen

Wieso darbt die Stadt, wenn ihre Bewohner doch mit materiellen Gütern gesegnet sind? Selbst wenn die Leute viel Einkommensteuer zahlen, fließen davon wegen gesetzlicher Regelungen nur 15 Prozent in die Stadtkasse. Und das auch nur bis zu einem Jahreseinkommen von 30.000 Euro pro Kopf. Die Kappungsgrenze müsste deshalb dringend erhöht werden, meint Klaus Temmen. „Weil sie der Stadt Kronberg etwa 600.000 Euro mehr einbringen könnte.“

Sorgen macht auch die schleichende Verödung der Innenstadt. Kleine Läden schließen. Ein leerstehender Altbau neben der Receptur steht vor der Zwangsversteigerung. Und das 230-jährige Gasthaus Zum Adler – in dem vor 100 Jahren die Künstler der Malerkolonie zechten – ist stark sanierungsbedürftig. Zwei Kronberger haben es nun gekauft, erzählt Vereinsring-Vorsitzender Hans-Willi Schmidt. Der 62-Jährige aus dem Stadtteil Oberhöchstadt, wo im Gegensatz zu Kronberg noch die Traktoren fahren und das frisch gedroschene Getreide duftet, gehört zu den „Ureinwohnern“, die der Stadt Bodenständigkeit verleihen. Der pensionierte Techniker koordiniert die Aktivitäten der 150 städtischen Vereine.

Erdbeeren bis nach Skandinavien

Wandelt denn in deren Mitte noch der Kronberger Geist? Dem das endlose Gerede um Gewinne und Verluste schnurzpiepe ist? Der stattdessen die stillen Angler am Schillerweiher in den Blick nimmt, den pausierenden Handwerker mit Stulle und Thermoskanne. Denn die gibt es auch noch im Refugium der Reichen und Schönen. Leute, die hinterm Rathaus den steilen Zwingerweg nehmen und zum Talweg hinabsteigen. Vorbei an den Gärten mit ihren Obstbäumen, am Rentbach entlang. Und plötzlich ist alles wieder da: der betäubende Duft jener Kirsch-, Mirabellen- und Apfelbäume, in denen der berühmte Obstpfarrer Johann Ludwig Christ herumkletterte. Die rauschenden Wipfel der Süßkastanienhaine. Und Erdbeeren, viele Erdbeeren, die um 1900 bis nach Skandinavien verschickt wurden – vor sechs Jahrzehnten gingen pro Saison immerhin 200.000 Kilo auf die Reise. Damals war Kronberg bekannt für seine famosen Früchte, seine tatkräftigen Obstbauern. Aus dem süßen Städtchen wurde schließlich eine Stadt der Reichen. Überspitzt gesagt: Kohle statt Kernobst.

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