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Einige Wohnungen sind in einem relativ guten Zustand. Viele Mieter sagen, die Anlage sei zumindest teilweise nicht so marode wie behauptet.

Wohnen in Hanau

Mieter in Hanau werden verdrängt

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Nach einem Eigentümerwechsel müssen sich Mieter in Hanau nach einem neuen Zuhause umschauen. Der neue Besitzer will, dass sie ausziehen. Es trifft Menschen, die in prekären Verhältnissen leben.

Wut und Verzweiflung mischen sich im Gesicht von Lucia Rodriguez (Namen der Bewohner geändert). „Das ist ein Skandal“, schreit sie. „Die wissen: Keiner hier kennt seine Rechte, keiner kann sich wehren. Und was macht der Staat dagegen? Der OB? Nichts!“

Mit „die“ meint Rodriguez die neuen Besitzer der Daimlerstraße, wo viele Menschen in prekären Verhältnissen leben: die MS & Söhne Grund- und Immobilienbesitz GmbH und die Finest Property UG. Diese wollen die acht Häuser mit 100 Wohneinheiten am Hauptbahnhof, die sie im Oktober von Jürgen H. kauften, sanieren und mit gehobener Ausstattung zu „marktüblichen Mietpreisen“ vermieten. Die derzeitigen Bewohner sollen ausziehen, die meisten von ihnen werden dadurch wohnungslos.

„Wir können mit der dringend notwendigen Kernsanierung erst richtig beginnen, wenn die Häuser leer sind“, sagt Finest-Property-Geschäftsführerin Anna Kurz. Wer nicht freiwillig gehe, dem werde ordentlich gekündigt. 

Am Donnerstag waren laut Kurz von einst etwa 400 Bewohnern noch 130 da. Nach Angaben der Stadt haben sich bislang 75 Betroffene im Amt für Wohnhilfen als Suchende registriert, eine dreiköpfige Familie wurde in einer Unterkunft untergebracht. 

Nach dem Verkauf hatten alle orangefarbene Zettel von Kurz bekommen, ein sogenanntes Angebot: 2000 Euro für einen Auszug bis Ende November, 800 Euro bis Ende Dezember. Verbunden mit der Drohung, wer etwa keinen gültigen Mietvertrag vorweise oder dagegen verstoßen habe, müsse mit Polizei, Justiz und Zwangsräumung rechnen.

Die Erneuerung der Häuser läuft bereits auf Hochtouren. Bauschutt, Möbel und Glasscheiben werden in riesige Container geworfen, aus den Häusern dröhnen Schlagbohrer und dumpfe Hammerschläge. Eigentlich unzumutbar, doch die Menschen bleiben, weil sie nichts finden. 

Hanau boomt, hat sich mit dem Stadtumbau rausgeputzt und knackt bald die 100 000-Einwohner-Marke. Das zieht Investoren und Spekulanten an. Auch der Bahnhof und sein Umfeld werden umgestaltet. Läden, Parkhäuser und ein Hotel sollen entstehen. Die geplante nordmainische S-Bahn könnte Frankfurt schneller erreichbar und die Daimlerstraße zu einem Riesengeschäft machen.

Die meisten der hier lebenden Menschen sind Roma, hinzu kommen polnische Tagelöhner, Lateinamerikaner und Deutsche. Die Häuser waren jahrzehntelang nicht saniert worden und überbelegt. Bittere Armut prägte die Lage. Zwischenzeitlich stieg die Kriminalitätsrate.

Viorel Miutescu sitzt auf der Couch und hält das jüngste von sechs Kindern im Arm. Strom, Heizung, Wasser – alles funktioniert. Es ist warm und gemütlich. Miutescu, der einen Mietvertrag hat und regelmäßig zahlt, ist verzweifelt. Seit Wochen sucht er eine Wohnung. „Wo sollen wir hin?“ So wie ihm geht es fast allen anderen. Ein weiteres Problem ist die Kaution, für die er einen Beleg hat. Das Geld, so Kurz, müsse er sich vom Ex-Vermieter holen. Der habe angegeben, niemand habe Kaution gezahlt.

Miutescu versteht die Welt nicht mehr. Er hat die Wohnung aufwendig renoviert, Deutsch gelernt, eine volle Stelle im Schichtdienst gefunden. Die Kinder lernten fleißig. Und heute habe er sich von einem Beamten anhören müssen: „Warum bis du noch da?“ Von Kurz fühlt er sich unter Druck gesetzt, sie klopfe täglich, versuche, ihn zum Auszug zu bringen, drohe, Strom und Wasser zu kappen.

Ex-Besitzer in der Opferrolle

Der frühere Besitzer sieht sich als Opfer der Bewohner. Viele von ihnen hätten seine Häuser besetzt, randaliert und kaum Miete gezahlt. Dem ist unter anderem zu entgegnen, dass der Kreis ihm für 13 Familien die Miete direkt überwiesen hat. Die neuen Eigentümer haben in den Unterlagen viele Quittungen für weitere Zahlungen gefunden. Und angesichts der teils miserablen Wohnsituation – so fiel die Heizung oft aus – waren die Mieten hoch. Für den Verkauf hat H. laut eigener Aussage sechs Millionen Euro kassiert. 

Maria Stanescu ist schon ausgezogen. Ein Tisch, Stühle, eine Küchenzeile, Matratzen – viel mehr gibt es nicht in den zwei Räumen der Wohnungslosenunterkunft, wo sie jetzt wohnt. „Die Gegend ist gut“, sagt die Frau, die einen Putzjob hat. „Ich danke für die Hilfe.“

Doch ihre Sorgen lassen Stanescu keine Ruhe: Das Kommunale Center für Arbeit droht, die Leistungen zu streichen, weil sie die Behörde nicht gleich über den Auszug informiert hat. Der Betrag werde ohnehin um 100 Euro gekürzt – wegen der 2000 Euro, die sie von den neuen Besitzern der Daimlerstraße bekommen hat.

Finest Property ist eine haftungsbeschränkte Firma, das Stammkapital beträgt einen Euro. Auf ihrer Website steht, sie suche nach historischen und entwicklungsfähigen Immobilien ab 50 Wohneinheiten, auch mit „problematischen Mietstrukturen“.

Die Vorwürfe der Bewohner weist Kurz zurück. Alles sei rechtens, auch das Angebotsschreiben. Die meisten der Ausgezogenen hätten unter anderem keine Miete gezahlt. Niemand werde unter Druck gesetzt, jeder könne die Kündigungsfrist abwarten. Sie habe nur erklärt, die Leitungen würden kurzzeitig wegen der Sanierung unterbrochen. Der Zustand der Anlage sei „noch schlimmer als gedacht“, etwa wegen „maroder Leitungen und der Ungezieferplage“.

Die Menschen täten sich was Gutes, wenn sie ausziehen. Schrottsammler hätten kürzlich Leitungen rausgerissen und Wasserschäden ausgelöst. „Wir müssen schnell handeln.“ Einige Wohnungen seien nur vermeintlich gut in Schuss, hinter den Wänden lauerten massive Schäden. Das Projekt sei mit Hilfe großer Banken finanziert, es werde nicht weiterverkauft. Die Arbeiten würden pro Haus bis zu zwölf Monate dauern.

Die Stadt kooperiert 

Die Stadt kooperiert mit Kurz. Alles sei besser als der Ist-Zustand, sagt Stadtentwickler Martin Bieberle. Sozialdezernent Axel Weiss-Thiel (SPD) meint, die Stadt sei nicht schuld an den Missständen, sondern der Vermieter und ein Teil der Bewohner, die sich alles andere als akzeptabel verhalten hätten.

Beim Internationalen Bund, der in der Daimlerstraße Sozialarbeit macht, wird die Entwicklung mit Sorge betrachtet. Gerade die verbliebenen Familien seien „angekommen“: Die Eltern hätten mindestens Minijobs, die Kinder besuchten die Schule. Die Sozialarbeiter verweisen auf viele Fortschritte.

Ob die Betroffenen in Hanau je eine Wohnung finden? Auf die Frage, ob spezielle Hilfsangebote geplant sind, teilt die Stadt mit: „Aktuell gibt es keine Pläne, da der betreffende Personenkreis dazu angehalten ist, sich vorrangig selbstständig auf dem freien Wohnungsmarkt um adäquaten Wohnraum zu bemühen. Im Bedarfsfall werden Hotels tagesaktuell abgefragt.“

Viorel Miutescu bleibt bei seiner Kritik: „Man will uns raushaben.“ Aber er gebe nicht auf.

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